Kalbotyra
Kalbotyra
Download

Kalbotyra ISSN 1392-1517 eISSN 2029-8315

2020 (73) 31–60 DOI: https://doi.org/10.15388/Kalbotyra.2020.2

Figuratives in der auslandsdeutschen Pressesprache1

Csaba Földes
University of Erfurt
Faculty of Arts
Chair of Germanic Linguistics
D-99089 Erfurt, Germany
e-mail: csaba.foeldes@uni-erfurt.de
Web: www.foeldes.eu
ORCID iD https://orcid.org/0000-0002-4711-2072

Figurative Language in the German-Speaking Press Abroad

Abstract. This article is based on the understanding that figurative linguistic signs are in general a common research topic in the media language but represent a desideratum especially with regard to the German-speaking press abroad. Against this background, some of the figurative and formulaic related observations as well as the results of a current research project are thematised and discussed. The primary goal is a focused evidence-based analysis – more precisely: a theory-based qualitative exploration – of special features of figurative language use in three German-language minority newspapers from Russia, Kazakhstan and Hungary. In addition, manifestations of culturality are developed in the analysed media discourse, which is characterised by multilingualism and interculturality or rather transculturality. The approach is not normative and error-analytical, but descriptive and primarily contact- or intercultural-oriented.
Among other things, it was found that the empirical database provided only relatively few figurative phrases. The findings include that other textual mechanisms prevail and due to the multilingual settings the text producers adopt fixed syntactic schemes from the contact languages. On the producer side, a German-based figurative language is generally used, but it is congruent with the figurativity of the respective contact language (in the present case: Russian, Kazakh and Hungarian), including Russian/Kazakh/Hungarian-oriented framings. In this context, the dominant feature is constituted of (virulent or latent) language contact-related phenomena with some dynamics: primarily transference formations of different kinds. At the same time, it cannot be ignored that the language and text (types) competence and especially the figurative competence of the text producers in the area of conceptual-writing skills vary widely and are often not comparable to those of federal German journalists.
Keywords: media language, phraseology, idioms, language contacts, interculturality, German as a minority language in Russia, Kazakhstan and Hungary

Submitted: 17/09/2020. Accepted: 09/10/2020
Copyright © 2020 Csaba Földes. Published by Vilnius University Press
This is an Open Access article distributed under the terms of the Creative Commons Attribution License, which permits unrestricted use, distribution, and reproduction in any medium, provided the original author and source are credited.

1 Vorspann

Als Einstieg soll eine facheinschlägige Anekdote dienen: Ein korpusorientierter Linguist begegnet auf einer Tagung einem theoretischen Linguisten und fängt das Gespräch mit folgender Frage an: „Warum sollte ich glauben, dass es stimmt, was Sie mir hier ausführen?“ Woraufhin sich der Theoretiker revanchiert: „Und warum sollte ich denn glauben, dass das interessant ist, was Sie mir erzählen?“ Diese ironische Story von Fillmore (1992, 35) illustriert anschaulich die – mindestens ein Stück weit – nach wie vor aktuelle Kontroverse zwischen empirisch-deskriptiven und theoretischen Ansätzen. Im vorliegenden Aufsatz bildet ein dezidiert empirisch ausgerichtetes Projekt das Objekt der Betrachtungen.

2 Anliegen und Ziel

Die Presse im Allgemeinen ist wohl ein Diskursbereich, der im Hinblick auf den Gebrauch figurativer Phrasen bereits überaus intensiv beschrieben wurde, zumal z. B. die Phraseologismen nicht zuletzt aufgrund ihrer Polyfunktionalität, vor allem ihrer sog. textbildenden Potenzen, als ein wichtiges Mittel der semantischen Verflechtungen sowie als ein Instrument zur Organisation der Makrostruktur des ganzen Textes dienen (vgl. Sabban 2004). Jedoch stellen im Besonderen die Medien deutscher Minderheiten diesbezüglich ein Desiderat dar. Da sich hier ein Spannungsfeld zwischen zwei oder mehr Sprachen und Kulturen sowie ein Feld intensiver Wechselbeziehungen auftut, sind auch neue, weitere Theoriezusammenhänge einzubeziehen.

Innerhalb der Pressesprache hält Lüger (1995, 22) vor allem die Untersuchungsaspekte Wortschatz und Syntax für die ergiebigsten. An erster Stelle nennt er – unter drei von ihm als relevant erachteten Betrachtungsperspektiven – die „Pressesprache als Indiz für Tendenzen der Gegenwartssprache“. In diesem Sinne soll das für den vorliegenden Beitrag berücksichtigte Material der Minderheitenpresse gleichsam cum grano salis als Indikator für die Schriftlichkeit deutscher Minderheiten in Mittel- und Osteuropa (im Weiteren: MOE) schlechthin gelten. Bestätigend ist z. B. auf die markante Äußerung von Eggers (1992, 362) zu verweisen: „Und auf jeden Fall spiegelt die Sprache der Zeitungen unmittelbarer den Sprachzustand ihrer Zeit, als es jedes andere Medium vermag […].“ In diesem Aufsatz sollen mit Überblickscharakter einige speziell figurativitäts- und formelhaftigkeitsbezogene Beobachtungen sowie Ergebnisse eines im nächsten Abschnitt vorzustellenden Forschungsprojekts thematisiert und diskutiert werden. Es handelt sich mithin um Figuriertheit im Mediendiskurs (bzw. das Umgehen mit ihr) unter spezifischen Bedingungen von Interkulturalität und Mehrsprachigkeit. Primäres Ziel ist eine fokussierte evidenzbasierte Herausarbeitung – genauer: eine theoriebasierte qualitative Exploration – von Besonderheiten des figurativen Sprachgebrauchs in drei deutschsprachigen Minderheitenzeitungen aus Russland, Kasachstan und Ungarn. Zudem wird eine Erschließung von Manifestationen der Kulturalität im analysierten interkulturellen Mediendiskurs durch Beleuchtung kulturinduzierter figurativitätsbezogener Charakterzüge angestrebt. Dabei ist der Ansatz nicht normativ-fehleranalytisch, sondern deskriptiv und vorrangig kontakt- bzw. interkulturalitätszentriert.

3 Untersuchungskontext und -design

3.1 Hintergrund und Materialgrundlage

Die Betrachtungen fußen auf einem interkulturell-variationslinguistischen Projekt namens „Deutsche Mediensprache im Ausland – am Beispiel der deutschen Minderheitenpresse in Mittel- und Osteuropa“ (Projektnummer: ZMVI2-2519DK0526), dessen Bearbeitungszeitraum drei Jahre beträgt (vom 01.04.2019 bis zum 31.03.2022). Der Projektleiter ist der Verfasser dieses Aufsatzes, projektfinanzierte Mitwirkende sind Uschi Schmidt, M.A., wissenschaftliche Mitarbeiterin als Koordinatorin, sowie wissenschaftliche Assistentinnen in Erfurt, ferner Kolleg(inn)en in Russland, Kasachstan, Ungarn, Polen, Rumänien und der Slowakei. Diese sind gerade die MOE-Länder, in denen die deutsche Minderheit noch über eine nennenswerte Presse- und Periodikalandschaft verfügt. Das Vorhaben wird durch die deutsche Kulturstaatsministerin in ihrer Funktion als Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) gefördert, wofür ihr ein herzliches Dankeschön gilt. Das Projekt soll zur Erforschung und Dokumentierung gegenwärtiger deutscher Zeitungssprache im Ausland beitragen und sieht zudem die Erstellung einer aktuellen – strukturierten und kommentierten – online zugänglichen Datenbank (mit Bibliographie) zur Mediensprache deutscher Minderheiten vor. Weitere Details sind der Webseite www.pressesprache.de zu entnehmen.

Der innovative Charakter der Themenstellung soll in zweifacher Hinsicht zum Ausdruck kommen. Zum einen: Die auslandsdeutschen Medien – darunter die Presseerzeugnisse deutscher Minderheiten – werden in Fachdiskursen eher nur hinsichtlich ihrer bibliographischen Dokumentation und ihrer historisch-politischen, pressegeschichtlichen, kultur- und literaturwissenschaftlichen u. ä. Belange beachtet. Erstaunlicherweise bilden hingegen ein sprachbezogener Schwerpunkt und ein linguistischer Blickwinkel auch allgemein, über das figurative Lexikon hinaus, bis heute weitestgehend ein Desiderat. Denn gezielt zur gegenwärtigen Sprache der deutschen Minderheitenpresse liegen kaum Veröffentlichungen vor und diese wenigen stammen meist nicht von Linguist(inn)en, sodass ihr sprachwissenschaftlicher Wert wohl als recht bescheiden gelten dürfte. Zum anderen: In Bezug auf den figurativitätsbezogenen bzw. phraseologiespezifischen Hintergrund ist festzustellen, dass der Umgang mit figurativen Sprachzeichen im Kontext von Zwei- bzw. Mehrsprachigkeit in der internationalen Forschung als eher unterbelichtet gilt. Die wenigen existierenden Publikationen behandeln eher nur die Ebene der Mündlichkeit.2

Als Objekt des vorliegenden Beitrags wurden zwecks größerer Homogenität und dadurch zur besseren Vergleichbarkeit drei Zeitungen ausgewählt, die als jeweils zentrales überregionales Medium der jeweiligen deutschen Minderheit fungieren. Obwohl es sich um drei verschiedene Pressesysteme3 handelt, wird von deutschen Minderheitenzeitungen in postsozialistischen Ländern (mit nachholender Entwicklung der Mediensysteme) aufgrund ihrer speziellen Anlage als eindeutig „content-driven“4 angenommen, dass aufgrund vieler wesentlicher Gemeinsamkeiten eine produktive Vergleichbarkeit gegeben ist. Außerdem besteht der gemeinsame Nenner darin, dass die berücksichtigten Zeitungen dezidiert rezipientenorientiert sind, einen mehr oder weniger eng umgrenzten Verbreitungsraum haben und sich in ihrem Themenhaushalt inhaltlich auf Informationen aus der nahen oder näheren (deutschbezogenen) Sinn- und Sozialwelt sowie dem Interessenkreis der Leser(innen) konzentrieren. Blum (2005, 10) arbeitet in einem pragmatischen Differenz-Ansatz zum Mediensystemvergleich sechs Typen heraus und qualifiziert dabei das Mediensystem in den ost(mittel)europäischen Staaten als „Schockmodell“, während er z. B. für Deutschland ein „nordeuropäisches Service public-Modell“ postuliert. Diese pauschale Subsumierung unter ein „Schockmodell“ erscheint mir trotz der genannten Gemeinsamkeiten als zu undifferenziert, da auch z. B. das kommunikations- und medienwissenschaftliche Schrifttum sonst feststellt (vgl. Dupuis & Thomaß 2013, 244), dass in „Russland […] und Kasachstan […] die Massenmedien zum großen Teil in staatlicher Kontrolle“ sind und entsprechend „sich die Mediensysteme vor allem durch informellen staatlichen Druck aus[zeichnen]“, während für Ungarn grundsätzlich ein „weitgehend funktionierende[s] Mediensystem“ attestiert wird.

Die 1998 wiedergegründete „Moskauer Deutsche Zeitung“ (im Weiteren: MDZ) ist in Russland das größte und einzige föderationsweite deutschsprachige Druckmedium und hat eine Auflagenhöhe von 25.000 Exemplaren.5 Die Zeitung ist ein komplementär mehrsprachiges6 Medium und besteht zurzeit aus zwei Teilen: der 16-seitigen „Moskauer Deutschen Zeitung“ und der 8-seitigen „Московская немецкая газета“ (transliteriert: Moskovskaja nemeckaja gazeta). Das Blatt erscheint vierzehntägig im A3-Format und bietet Inhalte in den Rubriken Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Zeitgeschehen, Feuilleton und Moskau. Es wird auf Flughäfen, in Hotels, Restaurants, Businesszentren etc. kostenlos verteilt, wobei es auch zahlende Abonnenten gibt. Der MDZ-Redaktion gehören sechs fest angestellte (deutsch-russisch) zweisprachige Journalist(inn)en an, vier von ihnen sprechen Deutsch und zwei Russisch als Erstsprache.

Die „Deutsche Allgemeine Zeitung“ (im Weiteren: DAZ) wurde 1966 gegründet und ist eine Wochenzeitung in Kasachstan, die in deutscher und in russischer Sprache mit einer Auflage von bis zu 2.000 Exemplaren7 (Quelle: DAZ 2018) mit 12 deutschsprachigen (und weiteren russischsprachigen) Seiten im A3-Format erscheint. Die Redaktion besteht aus fünf fest angestellten Mitgliedern. Die DAZ richtet sich vornehmlich an Angehörige der deutschen Minderheit in Mittelasien, aber auch an Sprachlernende und an deutschsprachige Tourist(inn)en und Firmenentsandte. Weiterhin wird auch das russischsprachige Publikum – des Deutschen nicht mehr lesekundige Kasachstandeutsche8 und Interessierte aus anderen ethnischen Gruppen – angesprochen. So behandelt das Medium auf zwölf Seiten Themen wie Politik, Wirtschaft und Kultur und informiert über Ereignisse im Zusammenhang mit der kasachstandeutschen Minderheit. Zu ihren Schwerpunktthemen gehören also die deutsch-kasachstanischen9 Beziehungen, Tendenzen in Politik, Kultur und den Gesellschaften Zentralasiens und Deutschlands sowie Perspektiven und Ausbildungsmöglichkeiten für die Jugend (Quelle: DAZ 2018). Als bilinguale Zeitung vom Typ komplementäre Mehrsprachigkeit konstituiert sie sich aus deutsch- und russischsprachigen Artikeln, wobei die erste Seite dominant deutsche Texte enthält (Földes 2019, 71–72).

Die seit 1957 bestehende „Neue Zeitung“ (im Weiteren: NZ) ist ein öffentlich-rechtliches Wochenblatt in Budapest im A4-Format auf 20 Seiten mit einer Auflage von 2.000 Exemplaren. Der Redaktion gehören derzeit fünf feste Mitglieder (der Chefredakteur, die Büroleiterin, eine Reporterin, eine „NZjunior“-Redakteurin sowie ein Bote) und zwei Mitarbeiter(innen) auf Honorarbasis (ein Umbruchredakteur und eine Übersetzerin) an. Die NZ besteht aus Ressorts wie z. B. Politik, Kultur, Lokales, auch einer achtseitigen „NZjunior“ (im Weiteren abgekürzt als NZj) für Kinder und einer Jugendseite „GJU – Gemeinschaft Junger Ungarndeutscher“, die zweiwöchentlich durch die Beilage „Ungarndeutsche Christliche Nachrichten“ und jährlich durch die Beilage für Literatur und Kunst unter dem Titel „Signale“ komplettiert wird. Die NZ richtet sich vornehmlich an Angehörige der deutschen Minderheit in Ungarn und setzt sich für die Pflege von Sprache und Kultur ihrer Zielgruppe ein (Quelle: Neue Zeitung 2020). Das Team wird – wie übrigens auch das der MDZ und der ADZ – regelmäßig durch Praktikant(inn)en aus Deutschland in variierender Anzahl bereichert.

Die empirische Datenbasis des vorliegenden Aufsatzes setzt sich im Hinblick auf alle drei Blätter aus sämtlichen Printausgaben des Jahrgangs 2017 zusammen.

3.2 Theoriematrix

Figurativität und Formel- bzw. Musterhaftigkeit im Diskurs sind basale und komplexe Eigenschaften jeder natürlichen Sprache, vgl. Földes (2020, 203). Figurative Sprache wird in der Forschungsliteratur in vielen Fällen nicht oder zumindest nicht explizit definiert, z. B. bei Handl (2011), Schecker & Rauh (2014) oder Hillert (2018). Wo eine Begriffsbestimmung erfolgt, findet man eher weit gefasste Definitionen wie z. B. bei Hipkiss (1995, 73): „symbolic expression of abstract thought“ oder bei Glucksberg (2001, V): „In figurative language, the intended meaning does not coincide with the literal meanings of the words and sentences that are used“. Im vorliegenden Beitrag werden im Anschluss an die „Conventional Figurative Language Theory“ von Dobrovoľskij & Piirainen (2018, 7–9) figurative Lexikoneinheiten nicht-figurativen gegenüber dadurch abgegrenzt, dass sie über eine zweischichtige Semantik verfügen: Einerseits weisen sie eine lexikalisierte Bedeutung auf (= Zielkonzept) und andererseits ist bei ihnen eine literale, d. h. wörtlich genommene, Lesart möglich (= Ausgangskonzept), die Konzepte evoziert, die in ihrer Komponentenstruktur festgehalten sind.10 Im Rahmen der Figürlichkeit werden meist, wie z. B. auch Cacciari (2001, 284) anmerkt, hauptsächlich (konventionalisierte und neu kreierte) Metaphern und zunehmend auch Phraseologismen analysiert, so auch in diesem Beitrag.

Figuratives geht oft mit Formelhaftigkeit einher. Unter formelhafter Sprache („formulaic language“) versteht Gibbs (2010, 698) „a sequence, continuous or discontinuous, of words or other meaning elements, which is, or appears to be prefabricated: that is, stored and retrieved whole from memory at the time of use […]“. Diese Auffassung entspricht wohl dem aktuellen Stand der einschlägigen Forschung und wird auch für die vorliegende Untersuchung verwendet: Formelhafte Sprache bzw. formelhafte Ausdrücke können also als Sequenzen aus Wörtern oder anderen Elementen bezeichnet werden, die augenscheinlich vorgefertigt sind und demnach als Einheit im mentalen Lexikon gespeichert und abgerufen werden (vgl. Wray 2008, 9). Bei der tatsächlichen Verwendung derartiger Sequenzen ist keine ad hoc-Generierung oder Analyse seitens des Sprechers nötig. Mittlerweile wird der Terminus „formelhafte Sprache“ als Hyperonym für verschiedenste Phänomene (z. B. Kollokationen, Sprichwörter, Idiome, Bräuche und Gebete) verwendet. Formelhaftigkeit trifft also zunehmend nicht nur auf nicht-kompositionelle Sequenzen (Bedeutung kann nicht aus den einzelnen Komponenten erschlossen werden) zu, sondern auch auf Sequenzen, die prinzipiell analysiert werden könnten, also kompositionell sind, siehe auch Földes (2020, 203). Weinert (2010, 2) verweist darauf, dass die Erforschung solcher Sequenzen im Allgemeinen zwei Aufgaben umfasst: Datenanalyse bzw. Analyse von Korpusdaten sowie die Durchführung (psycholinguistischer) Experimente. Die vorliegende Studie reiht sich in die erstgenannte Variante ein.11

Im Gegenstandsfeld liegen sowohl aus konzepttheoretischen wie auch aus forschungspraktischen Gründen diverse Manifestationen von Figurativem, Formelhaftem sowie von Verfestigungen, also sämtliche Erscheinungsformen vorgeformter Strukturen, z. B. auch Phrasem-Konstruktionen an der Grenze zwischen Lexikon und Syntax (vgl. Kim 2014, 25–27), Kollokationen und Prägungen auf Textebene. Folglich lässt sich das Vorhaben von einem weiten Phraseologiebegriff (neuerdings vorangebracht u. a. im Zuge der kognitiven Wende in der Sprachwissenschaft) sowie vom Konzept der idiomatischen Prägung (sowie dem daraus resultierenden Ebenen-Modell von Feilke 2004, 58, 60) inspirieren.

Den heuristischen Rahmen dieser auf induktiven Methoden fußenden theoriegeleiteten korpusbasierten Untersuchung bildet das psycho- und soziolinguistische Merkmal der „Salienz“12 als Aufmerksamkeit erzeugende Eigenschaft von Objekten, um ein Spektrum von Ausprägungen einer zwischensprachlichen Figurativität zu eruieren. Die Korpusarbeit basiert auf dem Prinzip des sog. „Analyseparadigmas“, bei dem nach Steyer (2004, 93) „systematisch Sprachausschnitte auf der Suche nach usuellen sprachlichen Phänomenen analysiert“ werden.13

4 Betrachtungen, Belege und Befunde

Im Fokus stehen Erscheinungsformen und Verwendungsweisen des figurativen Lexikons (von Hillert 2018, 140 auch als „lexikalisch dunkle Materie“ bezeichnet): unauffälliger oder – insbesondere – auffälliger, nicht-modifizierter oder modifizierter Gebrauch, Verwendungsfrequenz und Distribution (z. B. gehäufte Verwendung bestimmter figurativer Einheiten bzw. ihrer Typen in bestimmten Pressetextsorten und/oder Textteilen).14 Beim Einsatz des Instruments Salienzen wurde zwischen Sprachfokussierung (vgl. 4.1) und Inhalts-, d. h. Kulturfokussierung (vgl. 4.2) unterschieden. Im Weiteren soll die Vielfalt der ermittelten als salient eingestuften Vorkommensbelege in einer systematischen Übersicht erfasst und typisiert werden.

4.1 Salienzen primär sprachbezogener Provenienz

Im Feld der sprachbezogenen Auffälligkeiten lassen sich hinsichtlich ihrer Ursprünge drei Typen ausdifferenzieren: (1) Phänomene des arealen Sprachkontakts (Transfer oder Nachahmung von Elementen, Strukturen und Modellen der Kontaktsprache); (2) Verfremdungsprozesse15 (z. B. Kontrastverschiebung oder -übertreibung, die aus einer unsicheren Beherrschung der Mediensprache Deutsch resultieren, etwa Übergeneralisierung des Sprachsystems) und (3) Normverletzungen aus Unachtsamkeit (d. h. Flüchtigkeitsfehler, die selbst bei Textproduzenten mit exzellenter Kompetenz vorkommen), somit liegt hier formal inkorrekte Sprachproduktion vor. Im Folgenden wird innerhalb dieses Rasters eine feinere Phänomentypologie angestrebt.

4.1.1 Sprachkontaktinduzierte Salienzen

4.1.1.1 Sprachkontaktphänomene explizit

Bei den expliziten Sprachkontaktphänomenen findet auch ein materieller Transfer statt, indem der Zeichenkörper (der Signifikant) aus der Kontaktsprache übernommen wird, z. B. im russlanddeutschen Beleg (1) und in den ungarndeutschen Belegen (2) und (3):

(1) Christos wosskressje! (MDZ 6/1)16

Es handelt sich um den altkirchenslawischen Gruß Христос воскресе! (transliteriert: Christos voskrese, d. h. ‘Christus ist auferstanden’).

(2) Malenkij Robot (NZ 7/16)

Die sprichwörtlich gewordene Malenkij Robot zählt als essenzieller Bestandteil des kollektiven Gedächtnisses zu den identitätssensiblen kulturellen Schlüsselwörtern der Ungarndeutschen. Die Nominalphrase russischer Provenienz (korrekt: маленькая работа, transliteriert: malen’kaja rabota) stammt aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg und bedeutet auf Deutsch ‘kleine Arbeit’; sie umschreibt die Deportation von Hunderttausenden Donauschwaben, die mit Gewalt aus dem Karpatenbecken in die Sowjetunion zur Zwangsarbeit in Gulag-typische Straf- und Arbeitslager verschleppt wurden; also eine Nachwirkung transgenerational vermittelter, verschleppungs- und unterdrückungsbedingter Traumata. In inhaltlicher Hinsicht kann theoretisch das kultur- und literaturwissenschaftliche Konzept von „Postmemory“ einen Beschreibungsrahmen bieten. Zu einer leichteren zwischensprachlichen Transferierbarkeit des Ausdrucks dürfte auch der Umstand beigetragen haben, dass der substantivische Kern robot als – übrigens aus dem Deutschen übernommenes17 – etabliertes Lehnlexem im Sinne von ‚Fron‘ auch im Ungarischen geläufig ist.

In Beleg (3) wird ein derber ungarischer Spruch (samt seiner deutschen Übersetzung) in der Bedeutung ‘gegen die (politische) Macht kann man nichts machen’ im Original zitiert.

(3) Konkrete Begründung gab es nicht bzw. Dr. Wild klärte mich nachher derart auf, dass es das ungarische Sprichwort gebe „szél ellen nem lehet pisálni“ (man kann nicht gegen den Wind pissen). (NZ 39/Jubiläumsbeilage 11)

Eine strukturell etwas andere Erscheinungsform des Sprach- bzw. Varietätenkontakts zeigt sich im Gebrauch dialektaler fester Sprüche,18 der in einem standarddeutsch verfassten Text eine Auffälligkeit generiert, z. B.

(4) „Rede wie am de Schnowl kwockse is“ (NZ 8/20)

Die nicht übersetzte und als Zitat markierte Redensart (standarddeutsch: reden wie einem der Schnabel gewachsen ist) steht als Überschrift einer Anzeige zu einer Veranstaltung („Mundarttag im Kulturhaus von Tscholnok“).19

4.1.1.2 Sprachkontaktphänomene semi-explizit

In diesen Typ der sprachfokussierten Salienzen gehören hybride Einheiten20 wie Beleg (5) aus der russlanddeutschen Presse.

(5) Тотальный германский Diktat (totaľnyj germanskij Diktat, MDZ 4/V)21

Diese Wortverbindung mit der Bedeutung ‘totales Deutsch-Diktat’ verkörpert sogar eine doppelte Hybridität: Nicht nur zwei Sprachen, also Russisch und Deutsch, sondern auch zwei Alphabete, kyrillisch und lateinisch, treffen aufeinander.22

Ausnahmsweise finden sich Hybriditätsproduktionen nicht nur im Hinblick auf die unmittelbaren Kontaktsprachen Russisch, Kasachisch und Ungarisch, sondern auch – wohl in sprachspielerischer Intention eingesetzt – englisch-deutsche Beispiele:

(6) My Home is my Eigentum (MDZ 4/1)

Diese Artikelüberschrift deutet unzweifelhaft auf die (von dem britischen Juristen und Politiker Sir Edward Coke geprägte) englische Maxime My home is my castle (wörtlich: ‘Mein Zuhause ist meine Burg’, d. h. ‘ein Haus ist ein Ort der Zuflucht, ein sicherer Hort‘ oder ‘Mein Eigentum – hier habe ich das Sagen’) hin und substituiert die Komponente castle (‘Burg’) durch Eigentum.

4.1.1.3 Sprachkontaktphänomene implizit

4.1.1.3.1 Bildlichkeit

Das sind coverte Transferenzerscheinungen, bei denen nur die bildhafte Grundlage (das Konzept), nicht aber das Sprachmaterial übernommen wird, wie in den Belegen (7) bis (13).

(7) Es ist normal, sich Schrammen zu holen. Wenn man eine Idee hat, sollte man versuchen, sie zu realisieren. (MDZ 18/6)

Der Ausdruck sich Schrammen holen ist im Deutschen eigentlich nicht gängig, für diesen figurativ motivierten Ausdruck könnte eine russische metaphorische Bildlichkeit, nämlich der ironisch-umgangssprachliche referenzielle Phraseologismus набивать шишки (nabivať šiški, wörtlich etwa ‘sich Beulen zuziehen’ oder noch genauer: ‘sich Beulen schlagen lassen’ bzw. ‘zulassen, dass einem Beulen geschlagen werden’) in der Bedeutung ‘Anfängerfehler machen, Lehrgeld bezahlen müssen’ als Modell gedient haben. Dahinter dürfte sich ein unreflektierter zwischensprachlicher Transfer verbergen und weniger ein gezieltes Bemühen um größere stilistische Lebendigkeit.

(8) Die Republik Tadschikistan hat einen vollen Strauß an Umweltproblemen, die oft sehr eng miteinander verbunden sind. (DAZ 12/1)

In diesem Satz kasachstandeutscher Herkunft tritt eine Transferenzübersetzung von russisch полный букет проблем окружающей среды (poľnyj buket problem okružajuščej sredy) auf; ein bundesdeutscher Journalist hätte sich eher z. B. für die Formulierung ein ganzes Bündel an Umweltproblemen entschieden.

Interessanterweise gibt es für die Bildlichkeit mit Strauß auch ungarndeutsche Pressetextbelege:

(9) Chorleiterin Ilona Piller-Fódi stellte einen Liederstrauß mit fünf Volksweisen zusammen. (NZ 9/2)23

(10) Anschließend erfreute der Schülerchor des DNG die Anwesenden mit einem bunten Strauß von Volksliedern aus Schorokschar, geleitet von Zsuzsanna Győrfi. (NZ 40/1)

(11) Zunächst verzauberte die Tanzgruppe der Grundschule mit einem bunten Strauß verschiedener Schwabentänze das Publikum […]. (NZ 9/16)

Diese Strauß-Metaphern sind eigentlich auch aus binnendeutscher Sicht verständlich, sie klingen dort jedoch antiquiert. Die in Frage stehenden sprachlichen Metaphern erfreuen sich dagegen in den jeweiligen Kontaktsprachen hoher Gebrauchsfrequenz. Dabei unterscheidet sich ihr Verwendungsprofil; für das Russische und Kasachische ist eine negative, für das Ungarische dagegen eine positive Konnotation charakteristisch, was auch in den angeführten kasachstan- und ungarndeutschen Belegen zur Geltung kommt.

Der Ausdruck seinen Mund fahren lassen in Beleg 12 ist aus bundesdeutscher Sicht vom Bild her nicht gleich einleuchtend24 und stellt eine Glied-für-Glied-Entsprechung des ungarischen Phraseologismus járatja a száját ‘den Mund nicht halten können’ dar:

(12) Wohl als Kommunist, hatte er 1956 seinen Mund fahren lassen und wurde deshalb beiseite gestellt. (NZ 39/Jubiläumsbeilage 11)

Der folgende ungarndeutsche Beleg ist für Leser im deutschen Sprachraum wohl kaum verständlich.

(13) Nach den Impulsreferaten der Gastgeberinnen über die „guten Übungen“ im Ungarndeutschen Bildungszentrum, zu denen außer den Modulprojekttagen zum Thema finanzielle und staatsbürgerliche Kenntnisse auch das Nationalitäten-Wahl-Projekt gehört, […]. (NZ 49/3)

Hier ist ein nur mittelbarer ungarischer Kontakthintergrund anzunehmen: Für das englische Lexem practice fungiert üblicherweise gyakorlat als ungarisches Übersetzungsäquivalent. Dieses Substantiv gyakorlat können aber im Deutschen sowohl Übung als auch Praxis (oder auch Praktikum) entsprechen. Wahrscheinlich aktivierte der Textproduzent zunächst das ungarische gyakorlat und übersetzte es schließlich mit Übung ins Deutsche. Mit guten Übungen war also Best Practices gemeint.

4.1.1.3.2 Lexikalische Füllung

(14) Nun hat Regisseur Sergej Schirchow die Geschichte der Passagierin auf die große Bühne der „Neuen Oper“ in Moskau gestellt. (MDZ 4/11)

Hier wäre die deutsche Standardvariante etw. auf die Bühne bringen; die Wahl des Verbs stellen dürfte durch das russische Äquivalent поставить на сцене (postaviť na scene) motiviert sein, d. h. der Textschreiber verwendet das Verb stellen offenbar in Analogie zur russischen Wendung, da stellen und поставить (postaviť) in deutsch-russischer Relation Synonyme, allerdings nur partielle Synonyme, sind.

(15) Aber nicht einmal den Charakter eines Staatenbundes kann man dem Zollverein beilegen, da ein solcher in erster Linie politische Zwecke zu fördern berufen […] ist. (DAZ 9/9)

Bei dieser Kollokation wäre aus bundesdeutscher Sicht allerdings folgende Variante geläufiger: einer Sache den Charakter (von etw.) beimessen oder zusprechen (und nicht beilegen).

(16) Wenn ihr nun eure Kunstwerke entfaltet, könnt ihr die seltsamen Gestalten betrachten und sicher werden sie euch zum Lachen reizen. (NZ 10/NZj 6)

Die kanonische Form heißt jmdn. zum Lachen bringen, die Wahl des Lexems reizen scheint eine Transferenzübersetzung des ungarischen Verbs ingerel anhand der Wendung nevetésre ingerel (also wörtlich ‘zum Lachen reizen’) zu sein.

In Beleg (17) entspricht die toponymische Komponente Donau den regionalen Gegebenheiten;25 diese phraseologische Konstituente ist allerdings nicht spezifisch ungarndeutsch, sondern auch österreichisch-süddeutsch geprägt, aus gesamtdeutscher Sicht dürfte sie jedoch als auffällig gelten, da sonst u. U. lokale Flussnamen wie der Rhein oder die Elbe der Metaphorisierung zugrunde liegen.

(17) Viel Wasser ist seitdem die Donau runtergeflossen. (NZ 39/Jubiläumsausgabe 10-11)

Gelegentlich ist der Komponentenbestand auf den ersten Blick nichts Außergewöhnliches, hinsichtlich des semantischen Inhalts lässt sich jedoch eine Transferenzbedeutung diagnostizieren:

(18) Tausende von SchülerInnen nahmen am letzten Wochenende Abschied in den ungarndeutschen und zweisprachigen Gymnasien von der Alma Mater. (NZ 19/1)

Im deutschen Standard bezeichnet die feste Nomination lateinischen Ursprungs Alma Mater eine akademische Einrichtung, während sich im obigen Beleg die auch im Ungarischen vorhandene Bedeutung ‘Schule/Gymnasium’ widerspiegelt.

4.1.1.3.3 Ausdrucksstruktur

(19) Das 2010 eröffnete Familiengewerbe „Djadja Granta“ ist genaugenommen [sic!] gar kein Restaurant. (MDZ 5/15)

Hinsichtlich der Nomen-Verb-Verbindbarkeit fällt in Beleg (19) auf, dass „Gewerbe“ herkömmlicherweise eher etwas Abstraktes ist und meist nicht „eröffnet“, sondern eher gegründet oder angemeldet wird; man eröffnet hingegen ein Restaurant.

(20) Es ist ein Gebiet,das [sic!] schon lange im Visier der Terrormiliz „Islamischer Staat“ steht. (DAZ 3/4)

Die Struktur im Visier von jmdm. stehen entspricht wohl kaum dem bundesdeutschen Usus, vielmehr lautet die Nennform des Phraseologismus jmdn./etw. im Visier haben. Dementsprechend wäre die sprachüblichere Form: Es ist ein Gebiet, das die Terrormiliz „Islamischer Staat“ schon lange im Visier hat. Es ist nicht auszuschließen, dass in der DAZ-Variante auch die russische Wendung находиться под прицелом (nachodiťsja pod pricelom, wörtlich: ‘sich unter dem Visier befinden’) – obwohl deren Bedeutung nicht ganz identisch ist – unterschwellig eine Rolle gespielt hat.

Der ungarndeutsche Beleg (21) zeigt in gewisser Weise Parallelitäten dazu.

(21) Das Kulturprogramm fing mit der Produktion der Kleinsten an: Die süßen Kinder brachten schnell Freudentränen in die Augen der Gäste: die Omas und Opas bewunderten ihre in Tracht gekleideten Enkelkinder. (NZ 49/2)

Die Konstruktion Freudentränen in die Augen bringen wäre in einer bundesdeutschen Publikation ungewöhnlich, möglich wäre dafür die (etwas poetische) Variante Freudentränen in die Augen zaubern oder einfach: dass die Zuschauer sogar Freudentränen in den Augen hatten. Weitere Auffälligkeiten sind in diesem Beleg das Lexem Produktion im Sinne von ‘Darbietung, Aufführung’ und die zweimalige Verwendung von Doppelpunkten innerhalb eines Satzes. Überdies müsste eigentlich nach dem zweiten Doppelpunkt als Übergangs- und Ankündigungszeichen die Sequenz, da sie ein vollständiger Satz ist, anders als im Ungarischen, mit einem Großbuchstaben beginnen.

4.1.1.3.4 Morphosyntax

(22) Den meisten Umsatz erzielt Mosigra nicht online, sondern über den Direktverkauf, heißt es seitens der Zentrale. Fachkundige Brettspielkenner stehen zur Seite, außerdem können Kunden erstmal die Würfel rollen lassen, bevor das Spiel gekauft wird. (MDZ 6/10)

Hier verursacht die externe oder die interne Valenz phraseologischer Konstruktionen Irritationen: Wem stehen die fachkundigen Brettspielkenner zur Seite? Die kanonische Nennform der Wendung lautet doch: jmdm. zur Seite stehen.

(23) Jede Familie unserer Schüler wollte ihn zu Gast einladen. (DAZ 20/8)

Möglicherweise spiegelt der kasachstandeutsche Satz das Muster von kasachisch қонаққа шақыру (qonaqqa shaqyrú) wider. Der Standard legt zu sich einladen oder als Gast einladen nahe.

(24) Dank der großartigen Musik der „Roland Schaller Band“ fand erst lange nach Mitternacht der Ball ein Ende. (NZ 12/NZj 1)

Im ungarndeutschen Beleg (24) macht bei der Wendung ein Ende finden die Wortfolge auf sich aufmerksam. Normkonform wäre: Dank der großartigen Musik der „Roland Schaller Band“ fand der Ball erst lange nach Mitternacht ein Ende. Hier kann eine im Ungarischen übliche Satzgliedstellung die Vorlage geliefert haben.

4.1.1.3.5 Frequenz

Frequenz- und Variationsauffälligkeiten, z. B. vom Deutschland-Deutschen abweichende Frequenzmuster, sind besonders subtil und lassen sich schwieriger, nur durch Sichtung größerer Textmengen, eruieren. Einige Beispiele sollen jedoch schon an dieser Stelle gebracht werden.

(25) Es ist ein Projekt von Menschen, die in Russland leben und nicht versuchen den „Anschein zu machen, dass hier alles okay ist“, schreiben die Gründer. (MDZ 8/10)

Die Nomen-Verb-Verbindung den Anschein machen existiert auch im Deutschland-Deutschen, die häufigere Form ist jedoch den Anschein erwecken. Die Wahl des Verbs machen in Beleg (25) wurde womöglich durch das Russische induziert: создавать видимость (sozdavat’ vidimost’), wobei die Konstituente создавать (sozdavat’) etwa ‘machen, schaffen’ bedeutet.

(26) In Deutschland musste die Familie von Null anfangen. (DAZ 11/6)

Diese Variante mit der Präposition von ist zwar korrekt, die sonst gängigere deutsche Version lautet allerdings bei null anfangen (vgl. Dudenredaktion 2019, 1297). Als kontaktsprachliches Muster diente offenbar die mit dem Beleg gleichartige Wendung des Russischen начать с нуля (načinať s nulja), wobei die Präposition с (s) regulär dem deutschen von entspricht.

(27) Das Sankt-Iwan-Feuerfest im Sommer mit Musik-, Koch- und Backwettbewerb gehört zu den meist besuchten Veranstaltungen des Dorfes. Jung und Alt sind am Kochen und Backen, verbringt [sic!] viel Zeit miteinander und amüsiert [sic!] sich prächtig. (NZ 10/4)

Die Paarformel Jung und Alt kommt im Korpusmaterial deutlich häufiger vor26 als Alt und Jung (NZ 23/5, 41/2, 50/4); ähnlich auch Klein und Groß (NZ 49/6, 50/4). Dies ist wahrscheinlich damit zu erklären, dass die analogen kontaktsprachlichen Formen des Ungarischen fiatal és öreg bzw. apraja-nagyja mit dieser Komponentenfolge operieren.

Der metaphorische Ausdruck Blumen der Dankbarkeit und der Erinnerung ist als attribuierende Nominalphase zwar auch im deutschen Sprachraum ohne Weiteres verständlich, sie wird aber in ungarndeutschen Pressetexten überzufällig, d. h. mit hoher Signifikanz, gebraucht, vermutlich als Transferenzübersetzung der im Ungarischen geläufigen Kollokation a hála és az emlékezés virágai:27

(28) Im Konzert übergab Dr. Susanna Gerner, Honorarkonsulin der Bundesrepublik Deutschland in Fünfkirchen, an vier Überlebende der Verschleppung Blumen der Dankbarkeit und der Erinnerung […]. (NZ 39/Jubiläumsbeilage 11)28

4.1.2 Verfremdungen

Dem folgenden Abschnitt liegt z. B. ein etwas gewagtes, aber nicht ungelungenes metaphorisches Wortspiel – als Kontamination von Blutfleck und blinder Punkt/Fleck – zugrunde:

(29) Das Schicksal der millionenfach versklavten NS-Zwangsarbeiter blieb in der Nachkriegswahrnehmung bis heute ein blinder Blutfleck. (MDZ 6/11)

In diesem Feld operiert die Überschrift in Beleg (30) mit einer eigenartigen Kombination von Metaphern. Dies dürfte ein wenig stimmiges Bild aus Blutfleck und weißer Fleck ergeben.

(30) Ein blutiger weißer Fleck. Ausstellung in Minsk gedenkt NS-Opfern. (MDZ 6/7)

Der kasachstandeutsche Beleg (31) gilt als salientes geflügeltes Wort:

(31) Nicht in die Ferne zu gehen. In der Nähe zu finden. (DAZ 14/5)

In Deutschland würde man sich eher der gängigen Variante des Goethe-Zitats bedienen: Warum in die Ferne schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah. Das Item ist typologisch offenbar als Verfremdung einzustufen, denn eine interlinguale Kontaktwirkung kann diese Form nicht erklären: Die entsprechende Wendung heißt auf Kasachisch алыстан арбалағанша, жақыннан дорбала (alystan arbalaǵansha jaqynnan dorbala, d. h. ‘wozu aus der Ferne mit Wagen herantransportieren, lieber aus der Nähe mit Säckchen hierhertragen’) und auf Russisch далеко ходить не нужно (daleko chodiť ne nužno, d. h. ‘es ist nicht nötig, weit zu gehen’).

(32) Ich empfehle es allen, die Interesse daran haben, einen Einblick in das deutsche parlamentarische System zu werfen, nette Leute aus 36 Ländern zu treffen und in einer lebendigen Stadt zu leben. (NZ 26/17)

Die unmarkierte Variante wäre einen Einblick in das deutsche parlamentarische System zu gewinnen. Bei der Belegform (32) dürfte den Textproduzenten die strukturell konkurrierende Wendung einen Blick werfen beeinflusst haben. Ein zwischensprachliches Kontaktgeschehen kommt als Interpretation nicht in Frage, da das ungarische Pendant genau der standardsprachlichen deutschen Form entspricht: bepillantást nyer.

4.1.3 Normverletzungen aus Unachtsamkeit

Diese Belege ergeben sich nicht aus der sprachlich-kulturellen Spezifik des auslandsdeutschen Pressediskurses, sondern sind als Flüchtigkeitsfehler oder Zweifelhaftigkeiten (z. B. auffälliger Einsatz gesprochensprachlicher Elemente) zu qualifizieren, die auch in bundesdeutschen Zeitungen vorkommen können.

Die Verbindung der koordinierten Substantive Wissenschaftler und Forscher klingt im Satz (33) tautologisch, da Forscher zugleich Wissenschaftler sind.

(33) Mittlerweile wurden mithilfe von Wissenschaftlern und Forschern einige der Tierarten vor dem Aussterben bewahrt. (MDZ 6/2017, S. 14)

Es ist allerdings nicht ausgeschlossen, dass dieser Beleg als kontaktbedingte Transferenzübersetzung der im Russischen zu einer Paarformel erstarrten frequenten Wortgruppe учёные и исследователи (učënye i issledovateli) zu explizieren ist. Möglicherweise soll diese Tautologie eine expressive Verstärkung der Aussage bewirken. Außerdem wäre statt des Adverbs mithilfe von etw. die Präpositionalgruppe unter Mithilfe von präziser gewesen.

(34) Das Publikum bekam Gänsehaut. (DAZ 3/6)

Entgegen der Nullartikel-Verwendung in (34) enthält die standardorientierte Form des in Frage stehenden Phraseologismus einen unbestimmten Artikel, also bekam eine Gänsehaut (vgl. Dudenredaktion 2019, 679).

(35) Wir konnten uns nämlich nur mit 70-80 km/h auf der Autobahn bewegen, so fielen der Mondsee und St. Gilgen in den Eimer, und die Gruppe war kurz nach 18.00 Uhr in Salzburg, wo es gerade zu regnen anfing. (NZ 32/15)

Hier liegt eine spontane intralinguale Kontamination zweier Wendungen vor: ins Wasser fallen (‘ausfallen’) vs. im Eimer sein (‘kaputt oder verdorben sein’).

4.1.4 Häufung

(36) Die Magie des neuen Jahres spielt bei mir eine wichtige Rolle. Für mich ist das Neujahr „ein neues Blatt“ in meinem Leben, das ich mit vollem Wissen über die Vergangenheit und ohne Fehler beginnen will. (DAZ 1-2/6)

Im obigen Segment kommen gleich mehrere saliente Phraseologismen vor, nämlich zwei Phraseologietransfers aus dem Russischen. Für die Wendung ein neues Blatt (nach russ. новая страница: novaja stranica) würde man im Deutschland-Deutschen ein neues Kapitel und für mit vollem Wissen über etw. (nach russ. с полным осознанием чего-л.: s polnym osoznaniem čego-l.) eher in vollem Bewusstsein um etw. schreiben.

(37) Der ganze Prozess war fast unbewusst, die Motivation kann ich nicht erklären. Die Sprache war Herr, denke ich, die mich in ihre Welt eingesogen hat. (NZ 51-52/35)

Der zweite Satz dieser Passage beinhaltet zwei figurative Ausdrücke. Auch grammatische Auffälligkeiten springen ins Auge: Zum einen würde eine standardsprachliche Verwendung einen bestimmten Artikel verlangen (also der Herr), zum anderen müsste der Relativsatz nicht durch die, sondern durch der eingeleitet werden. Zudem ist die Metapher in ihre Welt eingesogen etwas merkwürdig, eine Alternative wäre: Die Sprache war eine Kraft, die mich in den/ihren Bann gezogen hat.

4.2 Salienzen primär kulturbezogener Provenienz

Mittels einer Inhalts-, d. h. Kulturfokussierung lässt sich eine Bandbreite (inter)kulturbezogener Auffälligkeiten ermitteln. Dabei soll analytisch auf das Konstrukt „Xenismus“ zurückgegriffen werden. Darunter wird im vorliegenden Beitrag als Nominaldefinition verbale, visuelle oder akustische sprachliche und/oder kulturelle – intendierte oder ungewollte – synchron interpretierte ‚Fremdartigkeit‘ im Sinne von Fremdheitssignalen verstanden.29

Durch eine Interpretation von Sprachdaten hinsichtlich kulturell bedingter Einflüsse lässt sich der sprichwörtliche Mythos der magischen und dubiosen „russischen Seele“ als figurativer Xenismus qualifizieren:

(38) Die berüchtigte russische Seele ist so breit wie das Land selbst. (MDZ 8/10)

Den Russen wird gemeinhin eine Neigung zur Schwermut nachgesagt; der Ausdruck geht auf russisch русская душа (russkaja duša) als kulturelles Schlüsselwort zurück (Kurabcev 2013, 101–104; Földes 2018a, 135–136), vergleiche auch

(39) die weite Seele (MDZ 7/1) – auf Russisch: широкая душа (širokaja duša),

wie auch verschiedene Wortgruppen mit der Komponente Seele, die als typisch russisches „Präzedenzphänomen“ (siehe zum Terminus Földes 2018a, 126–127) in vielen Pressebeiträgen vorkommen, z. B.

(40) ihre Seele wärmt (MDZ 8/10)

(41) wärmt meine Seele (MDZ 8/11).

Bezeichnungen von Traditionen, Sitten und Bräuchen sind als figurative Xenismen ebenfalls nicht selten:

(42) Auch die Mode des von Bürgern selbst initiierten „Unsterblichen Regiments“ wächst hierzulande […]. (DAZ 20/1)

Der lexikalisierte Wortkomplex Unsterbliches Regiment (im Original: Бессмертный полк: Bessmertnyj polk)30 bezeichnet einen aus der sowjetischen Zeit stammenden kollektiven Brauch, d. h. ein Ritual kollektiven Erinnerns zum „Tag des Sieges“: Die Teilnehmer versammeln sich zu einem Gedenkmarsch und tragen die Bilder ihrer Familienmitglieder, die im Zweiten Weltkrieg gekämpft haben.

Ein weiteres kasachstandeutsches Beispiel für kulturbezogene Xenismen ist Beleg (43):

(43) Der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes der BRD, Dr. Hans-Friedrich von Ploetz, verglich den Tag der Wiedervereinigung mit dem kasachischen 16. Dezember. (DAZ 19/1)

Dass der 16. Dezember als metonymische Verfestigung auf das Datum der Unabhängigkeitserklärung der Republik Kasachstan im Jahre 1991 verweist, ist nur den mit der Geschichte bzw. Kultur Kasachstans vertrauten Lesern klar.

Von Seiten der ungarndeutschen Presse kann z. B. der feste Wortkomplex der erste Sonntag im Mai im Sinne von ‘Muttertag’ angeführt werden:

(44) Der erste Sonntag im Mai steht unmittelbar vor der Tür und gehört wie jedes Jahr hierzulande den Müttern, die zu ihrem Ehrentag von ihren Kindern besonders gefeiert werden. (NZ 17/NZj 1)

Dies dürfte den nicht-ungarndeutschen Leser dahingehend überraschen, als der Muttertag im deutschen Sprachraum nicht wie in Ungarn am ersten, sondern am zweiten Sonntag des Monats Mai stattfindet.

Als tatsächliches ungarndeutsches Paradebeispiel eignet sich auch angesichts seiner erinnerungskulturellen Relevanz die Malenkij Robot (vgl. auch Beleg 2):

(45) Malenkij Robot wurde in Ungarn lange Zeit verschwiegen. Die Aufarbeitung dieses Themas und die Sammlung der Erinnerungen von Zeitzeugen durfte erst ab den 1980er Jahren beginnen. (NZ 8/1)31

Es ist eine Spezifität der interkulturellen Minderheitenpresse, dass sich der Phänomenkomplex ‚Intertextualität‘ in den Texten in mehreren Dimensionen manifestieren kann (vgl. Földes 2018b, 307–308): (1) zum einen intralingual, also innerhalb der deutschen Sprache, wobei sie (a) intrakulturell32 und (b) interkulturell33 auftreten kann und zum anderen (2) interlingual, also zwischen Deutsch und Russisch/Kasachisch/Ungarisch, wobei hier drei Subtypen (a) intrakulturell, (b) interkulturell und (c) transkulturell möglich sind. Für interlinguale interkulturelle russisch-deutsche Intertextualitätsphänomene liefert der Buchtitel in Beleg (46) ein interessantes Beispiel (Földes 2018a, 139–140):

(46) Der Lärm der Zeit (MDZ 4/11)

Solche Kommunikationsinhalte fremder Couleur sind für nicht eingeweihte Rezipienten – in Unkenntnis des inhaltlich-kulturellen Backgrounds – nicht richtig nachvollziehbar. Beispielsweise müsste man zur adäquaten Dekodierung des Buchtitels über den Komponisten Dmitri Schostakowitsch auch die Anspielung auf den Titel des autobiographischen Werkes des Dichters Ossip Mandelstam aus dem Jahre 1923 unter demselben Titel (im Original: „Шум времени“: Šum vremeni) erkennen, der wiederum auf eine Metapher von Alexander Blok zurückgreift. Der Ausdruck Der Lärm der Zeit verweist überdies auf die bekannte Prawda-Kritik über Schostakowitsch mit der Überschrift „Chaos statt Musik“. Das MDZ-Feuilleton erwähnt lediglich diese Kritik, die Intertextualitätsbezüge werden jedoch nicht angedeutet.

Manche Erscheinungen von Intertextualität haben sogar einen mehrsprachigen Wirkungsradius, wie in Beleg (47):

(47) Wem die Glocke geschlagen hat. Wie Dorfbewohner im Wolgagebiet ihre deutschen Kirchen verteidigen. (MDZ 17/1)

Die Artikelüberschrift Wem die Glocke geschlagen hat dürfte auf den Titel des berühmten Romans von Ernest Hemingway aus dem Jahr 1940 in einer interessanten interkulturellen Weise hindeuten. Dabei kann nicht die deutsche Übersetzung des Romantitels Wem die Stunde schlägt der Impulsgeber gewesen sein, da hier keine Glocke vorkommt. Vielmehr war es die russische Variante По ком звонит колокол (Po kom zvonit kolokol, wörtlich: ‘Wem die Glocke schlägt’); übrigens lautet das englische Original gleichartig: For Whom the Bell Tolls. Es ist anzunehmen, dass dem Textproduzenten die russische Titelform mental präsent war, die er dann automatisch ins Deutsche übersetzte (vgl. Földes 2018a, 140).

Im Übrigen finden sich derartige Fälle auch im russischsprachigen Teil der MDZ, der allerdings nicht Objekt dieser Studie war, z. B.

(48) Пей вино, Гертруда! (Pej vino, Gertruda!, MDZ 6/2017, S. III)

Im Hintergrund dieses Ausspruchs, vgl. Földes (2018a, 140), steht die russische Rockmusik, genauer die Underground-Gruppe „Аквариум“ (Aquarium) aus den 70er- und 80er-Jahren des 20. Jahrhunderts, die mit ihrem Lied Не пей вина, Гертруда! (Ne pej vina, Gertruda!‚ d. h. ‘Trink keinen Wein, Gertrud’) aus dem Album „Кострома mon amour“ (Kostroma mon amour, 1994) hohe Bekanntheit erlangt hat. Die Vorgeschichte der Phrase bildet die russische Übersetzung von B. L. Pasternak aus dem fünften Akt, zweite Szene, von Shakespeares „Hamlet“. Interessant ist, dass die Komponente Wein weder im englischen Original (Gertrude, do not drink.) noch in der deutschen Übersetzung von F. Günther – Gertrud, trink nicht. – enthalten ist.

Ein einschlägiges ungarndeutsches Beispiel ist die Artikelüberschrift (49), die ein zum satzwertigen geflügelten Wort tradiertes Zitat beinhaltet:

(49) „Sie sind mit einem Bündel gekommen, so sollen sie auch gehen!“ (NZ 16/16)

Dieser im Text nicht erläuterte Intertextualitätsfall ist den nicht-ungarndeutschen Textrezipienten wohl kaum verständlich. Er bezieht sich auf den berüchtigt gewordenen Ausspruch von Imre Kovács, einem bekannten Politiker der Nationalen Bauernpartei, der in der Ausgabe vom 10. April 1945 der Zeitung „Szabad Szó“ die obige Forderung gestellt hat (also Vertreibung der Ungarndeutschen nach Deutschland mit vollständiger Vermögenskonfiszierung).

Zu den framebasierten Einwort-Metaphern und -Metonymien gehören u. a. die Determinativkomposita Parasitensteuer (Beleg 50) und Patschkerelf in (51):

(50) Trotzdem hat man mich aufgefordert, die „Parasitensteuer“ zu bezahlen! (DAZ 6/9)

In diesem kasachstandeutschen Text wird von einer Regel berichtet, nach der diejenigen, die länger als sechs Monate im Jahr keiner steuerpflichtigen Arbeit nachgehen, eine bestimmte Summe an den Staat entrichten müssen.

(51) Ein Spiel unserer Patschkerelf ist mir besonders in Erinnerung. (NZ 19/5)

Das Bestimmungswort Patschker verweist auf die typisch donauschwäbischen Strickschuhe, in denen auch Fußball gespielt wurde und das Grundwort Elf bezeichnet eine Mannschaft, also zusammen: ‘ungarndeutsches Fußballteam’.

Vor allem im Hinblick auf gesellschaftlich brisante Themenfelder, z. B. in politischen Diskursdomänen, kann man im Datenkorpus eine Standortgebundenheit nachweisen, nämlich, dass sprachliche Äußerungen häufig Blickrichtungen auf Tatsachen und deren Einordnung vorgeben. Denn jeder Sprachträger ist fester Teil seiner eigenen Diskurskultur, er sammelt Erfahrungsstrukturen und gewinnt entsprechende Wissensbestände, die dann – oft unreflektiert – zu kommunikativen Formulierungsroutinen führen. Mithin trifft der Sprecher mit dem von ihm eingesetzten Ausdruckselement bzw. -muster eine Auswahl, mit dem er einen entsprechenden Zugriff auf die Wirklichkeit konstruiert und damit Sachverhalte prägt, schafft und deutet (Felder 2009, 13–16). Beispielsweise spielen in vielen MDZ-Texten politische Standortgebundenheit und strategisch-taktische Interessen eine maßgebliche Rolle, so etwa reicht in der MDZ die Palette der narrativen Repräsentation in Bezug auf den Krim-Konflikt von vorsichtigen Umschreibungen wie

(52) Die Krim kam im März 2014 unter russische Flagge (MDZ 6/3)

über russlandorientierte Sichtweisen wie

(53) Beitritt der Halbinsel Krim zu Russland (MDZ 6/8 & 8/6)

oder

(54) Wiederanschluss [der Krim] an Russland (MDZ 6/2)

bis hin zur radikalen Geltendmachung russischer Positionen wie

(55) Heimholung der Krim (MDZ 6/2).34

In ähnlicher Weise wird der Zweite Weltkrieg in der MDZ meist mit der folgenden lexikalisierten Nominalphrase als Transferenzübersetzung von Великая Отечественная война (Velikaja Otečestvennaja vojna) apostrophiert:35

(56) der Große Vaterländische Krieg (MDZ 6/7 & 8/1)

Allerdings gibt es auch Verwendungsbelege – selbst bezüglich Russlands bzw. der Sowjetunion – für das international übliche Praxonym

(57) Zweiter Weltkrieg (MDZ 4/11 & 16; 18/3 & 9; 22/1).

Mitunter werden beide Bezeichnungen innerhalb ein und desselben Artikels abwechselnd eingesetzt (z. B. MDZ 20/1), vgl. Földes (2018a, 136–137).

Ein bundesdeutscher Leser dürfte die Metapher Karpatenbecken wie in Beleg (58) lediglich für einen geographischen Begriff halten. In Wirklichkeit bedient man sich dieser Bezeichnung in Ungarn mit großer Vorliebe, da der Raum des Karpatenbeckens zum großen Teil mit dem Territorium des historischen „Großungarns“ übereinstimmt, sodass hier auch bestimmte Assoziationen mit der nationalen Geschichte und Identität hineinspielen.

(58) Die Ausschreibung „Brauchtum in der Mode – Volkstracht anders“ richtet sich an den Erhalt und die Verbreitung der Volkstrachttradition des Karpatenbeckens sowie an den Erhalt der handwerklichen Werte und deren Verbreitung und Anwendung in der Gegenwart. (NZ 25/19)

Als ungarndeutscher Beleg für eine spezifische soziale Kategorisierung mit wertender Note lässt sich z. B. (59) anführen:

(59) Ein Fest der fleißigen „Schwaben“, ein Feiertag im arbeitsreichen Alltag und ein ehrender Rückblick auf die Deutschen, die sich vor genau 280 Jahren in Tarian/Tarján niederließen – das war der 2. Landeshandwerkertag der Ungarndeutschen am Pfingstsamstag in der Ortschaft im Komitat Komorn-Gran. (NZ 24/1)

In der in ungarndeutschen Kreisen verbreiteten festen Wortverbindung fleißige Schwaben kommt ein tief sitzendes Klischee als Autostereotyp zum Ausdruck, das auch als Heterostereotyp gilt. Interessant ist, dass dabei nicht das Attribut fleißig in Anführungszeichen gesetzt wurde, sondern das nominale Kernelement Schwaben. Denn die Ungarndeutschen sind in Bezug auf ihre Herkunft und Dialekte eigentlich keine Schwaben, sie betrachten sich aber traditionell als solche. Dieses Beispiel demonstriert, dass Sprache und Diskurs, zumal in kulturellen Überschneidungssituationen, viele „gefrorene“ Konzepte (siehe Adamzik 2019, 358) von Kultur – oft Stereotype über die eigene und die andere(n) Kultur(en) – transportieren.

5 Zusammenfassung und abschließende Gedanken

Die analysierte schriftkulturelle Praxis der drei Minderheitenzeitungen zeichnet sich durch – Emergenzen hervorbringende – besondere Formen von Mehrschriftlichkeit (im Sinne von Riehl 2018, 188) aus.36 Das Ergebnis sind inter- bzw. genauer: transkulturelle Texte. Es liegt eine hochgradig komplexe sprachlich-kulturelle Basiskonfiguration vor, als deren Folge allen drei untersuchten Presseorganen der Status einer kulturasymmetrischen „Grenzgänger“-Zeitung – einer Species sui generis – zuzuschreiben ist, da die verwendete Sprache nicht mit der jeweils umgebenden Kultur im herkömmlichen Sinn korreliert. Vornehmlich der DAZ ist eine mehrfache Kulturturbulenz zu attestieren. Erstens, weil sie in einem Wirkungsraum zwischen Deutsch, Russisch und Kasachisch funktioniert, zweitens, weil eine ganz besondere Oszillation mit einer schillernden Mehrfachzugehörigkeit feststellbar ist: Das Formmaterial der Sprache ist grundsätzlich deutsch, während die Text- bzw. Formulierungstradition (z. B. das Textkonzept und die Formulierungsmuster) infolge der langjährigen Rolle des Russischen als Kultur- und Bildungssprache in Kasachstan eine dominant russische Prägung aufweist und zudem der soziokulturelle Referenzrahmen primär kasachstanischer Provenienz ist (vgl. Földes 2019, 92).

Die bisherigen Betrachtungen innerhalb des Projekts haben allgemein deutlich werden lassen, dass die Sprachlichkeit der MDZ, der DAZ und der NZ weder wie die bundesdeutsche noch wie die russische/kasachstanische/ungarische Pressesprache ist; die anderen Produktions- und Rezeptionsbedingungen wie auch andere kommunikative Aufgaben haben anscheinend zu einem differenten sprachlich-kommunikativen Profil (mit spezifischen Handlungs- bzw. Bewertungserwartungen und -konventionen) geführt.

Speziell zum figurativen Lexikon lässt sich feststellen, dass die empirische Materialgrundlage relativ wenig Figuratives hergibt: Die literale Praxis scheint nicht gerade phrasemsensitiv zu sein, es liegt kaum „Redensartlichkeit“ vor. Es ist offensichtlich keine Spur von der z. B. von Ljubimova (2019, 11–12) für den deutschen Sprachraum bescheinigten postmodernen Vorliebe für phraseologisch basierte Sprachspiele. Man findet insgesamt eher wenig bravouröse Textgestaltungsakrobatik und dabei wenig phraseologische Finessen. Aufgrund der Mehrsprachigkeitssettings – und der daraus resultierenden Mehrschriftlichkeit – herrschen andere textuelle Mechanismen vor, indem komplexe Interrelationen zwischen den schriftsprachlichen Kompetenzen in den beherrschten Sprachen zur Geltung kommen. Dabei übernehmen die Textproduzenten vorgeprägte syntaktische Schemata aus den Kontaktsprachen und verwenden in der Regel zwar eine deutschbasierte figurative Sprache, die aber mit der Figurativität der jeweiligen Kontaktsprache (im vorliegenden Fall: Russisch, Kasachisch und Ungarisch) kongruiert,37 einschließlich russisch/kasachisch/ungarisch orientierter Framings, vgl. die Krim-Belege (52) bis (55). In diesem Zusammenhang ist anhand von Korpusdaten auch zu erkennen, dass Sprachbilder (als Repräsentationen) innerhalb eines Szenarios ausgebaut werden, um sich dem jeweiligen Kontext anzupassen. Dementsprechend ließen sich verschiedene Formen interkultureller „figurativer Zweisamkeit“ erschließen (vgl. die Belege 17 & 47). Mithin konstituieren vor allem extrinsische und kontextbedingte Mehrsprachigkeits­phänomene und Xenismen die bestimmenden Wesenszüge dieses Pressediskurses. Da Figuratives sprachkontaktmäßig (darunter auch transferenzmäßig) zu den niederschwelligen Bereichen der Sprache gehört, ergeben in diesem Rahmen (virulente oder latente) sprachkontaktbedingte Erscheinungen mit einiger Dynamik die Dominante: vorrangig Transferenz-Bildungen verschiedener Art, z. B. Belege (8) und (16). Dadurch entstehen oft symmetrische Bezeichnungsmuster und kongruierende konzeptuelle Deutungsmodelle von ‘Welt’, anhand derer von einer „Interkonzeptualität“ die Rede sein kann. Einige der interkulturalitätsbezogenen Besonderheiten werden vermutlich intentional eingesetzt oder von der Redaktion zumindest in Kauf genommen, denn sie üben u. U. auch eine Signalfunktion aus, indem sie das pragmatische Potenzial des Textkosmos erhöhen und ihr eine authentische russlanddeutsche/kasachstandeutsche/ungarndeutsche Färbung verleihen können, vgl. Földes (2018a, 144), z. B. Belege (2) und (42). Größtenteils scheint es sich allerdings um eine nicht intendierte Folge der mehrsprachigen und inter- bzw. transkulturellen Umwelt bzw. Lebensgestaltung zu handeln, z. B. (18) und (30). Dabei ist nicht zu übersehen, dass die Sprach- bzw. Text(sorten)kompetenz und besonders die figurative Kompetenz der Textproduzenten im Bereich der konzeptual-schriftlichen Fähigkeiten sehr unterschiedlich, oft nicht mit denen bundesdeutscher Journalisten vergleichbar sind. Dadurch entstehen Auffälligkeiten im Zuge der verbalen, besonders der lexikalischen Enkodierung, etwa lexikalische Formvariationen aufgrund mangelnder Routinen hinsichtlich des Gebrauchs der lexikalisierten Formen (vgl. 15 & 32).

Ferner kristallisiert sich ein spezifisches Beziehungsgefüge von Mündlichkeit vs. Schriftlichkeit heraus: Ein großer Teil der erschlossenen Artikel repräsentiert eine Form schriftlicher Alltagssprache, man könnte sie metaphorisch als „Parlando-Texte“ bezeichnen, also als ein „textuelles Strickmuster zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit“ (Nussbaumer & Sieber 1994, 320). Im Wesentlichen sind es spezifische kommunikative Grundmuster im Sinne von Texten, die typische Merkmale der gesprochenen Sprache aufweisen, z. B. Beleg (3), siehe auch Földes (2018b, 315).38

Abschließend lässt sich festhalten, dass zu einer wirklich vertieften Interpretation der Befunde (einschließlich der verschiedenartigen Potenziale figurativer formelhafter Sprachzeichen) auch ihre semiotische, kulturelle und kognitive Einbettung in ihrer Komplexität in Betracht zu ziehen ist. Die in der Forschung meist vorherrschende Produktorientierung (Fixierung auf den Text bzw. die Diskursrealisation als das Ergebnis von Kommunikation) sollte allmählich – unter Einschluss der Textproduktionsforschung und der Formulierungstheorie – durch eine Prozessorientierung ergänzt werden.

Literaturverzeichnis

Adamzik, Kirsten. 2016. Textlinguistik. Grundlagen, Kontroversen, Perspektiven. 2., völlig neu bearb., aktual. u. erw. Aufl. Berlin, Boston: De Gruyter. (De Gruyter Studium).

Benkő, Loránd, főszerk. 1976. A magyar nyelv történeti-etimológiai szótára. Harmadik kötet. [Historisch-etymologisches Wörterbuch der ungarischen Sprache. Dritter Band]. Budapest: Akadémiai Kiadó.

Blum, Roger. 2005. Bausteine zu einer Theorie der Mediensysteme. Medienwissenschaft Schweiz/Science des mass média Suisse 15 (2), 5–11.

Cacciari, Cristina. 2001. Psicologia del linguaggio. [Psychologie der Sprache]. Bologna: Mulino. (Aspetti della psicologia).

DAZ. 2018. Die Zukunft der kasachstandeutschen Medien. Verfügbar unter: http://daz.asia/blog/die-zukunft-der-kasachstandeutschen-medien/. Zugriff: 18. Juni 2020.

Dobrovoľskij, Dmitrij, Elisabeth Piirainen. 2018. Conventional Figurative Language Theory and idiom motivation. Yearbook of Phraseology 9, 5–30.

Dudenredaktion, Hg. 2019. Duden. Deutsches Universalwörterbuch. 9., vollständig überarb. u. erw. Aufl. Berlin: Dudenverlag.

Dupuis, Indira, Barbara Thomaß. 2013. Osteuropa. In Mediensysteme im internationalen Vergleich. 2., überarb. Aufl. Barbara Thomaß, Hg. Konstanz: UVK-Verlagsges., München: UVK/Lucius. (UTB; 2831). 239–256.

Eggers, Hans. 1992. Deutsche Sprachgeschichte. Bd. 2: Das Frühneuhochdeutsche und das Neuhochdeutsche. Überarb. u. erg. Neuaufl. Reinbek: Rowohlt. (Rowohlts En­zyklopädie; 426).

Eismann, Wolfgang. 2020. Fremde Sprachen in der Phraseologie. Von Übernahmen und Makkaronismen bis zu Nachahmungen. In Deutsche Phraseologie und Parömiologie im Kontakt und im Kontrast II. Beiträge der 2. internationalen Tagung zur Phraseologie und Parömiologie in Wrocław/Polen, 23.–25. Mai 2019. Anna Gondek, Alina Jurasz, Marcelina Kałasznik & Joanna Szczęk, Hgg. Hamburg: Verlag Dr. Kovač. (Studia Phraseologica et Paroemiologica; 3). 67–82.

Feilke, Helmuth. 2004. Kontext – Zeichen – Kompetenz. Wortverbindungen unter sprachtheoretischem Aspekt. In Wortverbindungen – mehr oder weniger fest. Kathrin Steyer, Hg. Berlin, New York: De Gruyter. (Institut für Deutsche Sprache, Jahrbuch 2003). 41–64.

Felder, Ekkehard. 2009. Sprache – das Tor der Welt!? Perspektiven und Tendenzen in sprachlichen Äußerungen. In Sprache. Ekkehard Felder, Hg. Berlin, Heidelberg: Springer. (Heidelberger Jahrbücher; 53). 13–57.

Fillmore, Charles J. 1992. „Corpus linguistics“ or „computer aided armchair linguistics“. In Directions in Corpus Linguistics. Proceedings of Nobel Symposium 82, Stockholm, 4–8 August 1991. Jan Svartvik, ed. Berlin: Mouton de Gruyter. (Trend in Linguistics. Studies and Monographs; 65). 35–60.

Földes, Csaba. 2015. Literalität im Schnittfeld von zwei Sprachen und Kulturen: Beobachtungen anhand der Phraseologie in der Sprache der Lokalpresse. In Sprachgebrauch und Sprachbewusstsein. Implikationen für die Sprachtheorie. Regula Schmidlin, Heike Behrens & Hans Bickel, Hgg. Berlin, Boston: De Gruyter. 239–260.

Földes, Csaba. 2018a. Xenismen in der auslandsdeutschen Pressesprache. Reflexionen anhand der Moskauer Deutschen Zeitung. In Jahrbuch des Bundesinstituts für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa. Band 26: Sprache. Jörg Meier, Hg. München: De Gruyter Oldenbourg. 121–144.

Földes, Csaba. 2018b. Politische Sprache und Interkulturalität – am Beispiel der Presse deutscher Minderheiten. In Sprachgebrauch in der Politik. Grammatische, lexikalische, pragmatische, kulturelle und dialektologische Perspektiven. Annamária Fábián & Igor Trost, Hgg. Berlin, Boston: De Gruyter. (Reihe Germanistische Linguistik; 319). 299–317.

Földes, Csaba. 2019. Die Deutsche Allgemeine Zeitung: Anmerkungen zur Sprache der kasachstandeutschen Presse. Linguistica (Ljubljana) 59 (1), 71–97.

Földes, Csaba. 2020. Formelhaftes Sprechen im Sprach- bzw. Varietätenkontakt: Daten und Evidenzen aus einem interkulturellen Projekt. In Deutsche Phraseologie und Parömiologie im Kontakt und im Kontrast II. Beiträge der 2. internationalen Tagung zur Phraseologie und Parömiologie in Wrocław/Polen, 23.–25. Mai 2019. Anna Gondek, Alina Jurasz, Marcelina Kałasznik & Joanna Szczęk, Hgg. Hamburg: Verlag Dr. Kovač. (Studia Phraseologica et Paroemiologica; 3). 199–217.

Gibbs Jr., Raymond W. 2010. Idioms and Formulaic Language. In The Oxford Handbook of Cognitive Linguistics. 2. ed. Dirk Geeraerts & Hubert Cuyckens, eds. Oxford: Oxford University Press. 697–725.

Glucksberg, Sam. 2001. Understanding Figurative Language. From Metaphors to Idioms. Oxford, New York: Oxford University Press. (Oxford Psychology Series).

Grimm, Jakob und Wilhelm. 1991. Deutsches Wörterbuch. München: Deutscher Taschenbuchverlag.

Handl, Sandra. 2011. The conventionality of figurative language. A usage-based study. Tübingen: Narr. (Language in Performance; 46).

Hillert, Dieter. 2018. Figurative Sprache. In Die Natur der Sprache. Evolution, Paradigmen und Schaltkreise. Dieter Hillert, Hg. Wiesbaden: Springer. 139–149.

Hipkiss, Robert A. 1995. Semantics. Defining the Discipline. Mahwah, NJ: Lawrence Erlbaum.

Keller, Mareike. 2014. Phraseme im bilingualen Diskurs. „All of a sudden geht mir ein Licht auf“. Frankfurt a. M.: Lang. (Linguistik international; 30).

Kim, Jiwon. 2014. Es ist zum Verrücktwerden! – Analyse einer Phrasem-Konstruktion im Rahmen der Konstruktionsgrammatik. Deutsche Sprache 42 (1), 25–42.

Kurabcev, V. L. 2013. Identičnosť russkoj duši. [Die Identität der russischen Seele]. Cennosti i smysli 6 (28), 101–105.

Ljubimova, Natalia. 2019. Auch stille Wasser sind nass! – Über die Wirkung und Leistung der Phraseologismen in der Stadt. 2. Internationale Tagung „Deutsche Phraseologie und Parömiologie im Kontakt und Kontrast“. Abstracts. 23.05.–25.05.2019. Universität Wrocław, Universität Leipzig. Wrocław: Uniw. 11–12.

Logutenkova, O. N. 2017. Vlijanie tipa rannego bilingvizma na formirovanie fra­ze­ologičeskogo fragmenta jazykovoj kartiny mira bilingvov. [Einfluss des Typs des Frühbilinguismus auf die Gestaltung des phraseologischen Fragments des sprachlichen Weltbildes bei Zweisprachigen]. Aktuaľnye problemy filologii i pe­dagogičeskoj lingvistiki 3, 188–195.

Lüger, Heinz-Helmut. 1995. Pressesprache. 2., neu bearb. Aufl. Tübingen: Niemeyer. (Germanistische Arbeitshefte; 28).

Maas, Utz. 2008. Sprache und Sprachen in der Migrationsgesellschaft. Die schriftkulturelle Dimension. Göttingen: V & R Unipress, Universitätsverlag Osnabrück. (IMIS-Schriften; 15).

Marschall, Gottfried R. 2018. Fremdheit und Verfremdung als linguistische Kategorien. In Diskursive Verfestigungen. Schnittstellen zwischen Morphosyntax, Phraseologie und Pragmatik im Deutschen und im Sprachvergleich. Laurent Gautier, Pierre-Yves Modicom & Hélène Vinckel-Roisin, Hgg. Berlin, Boston: De Gruyter. (Konvergenz und Divergenz; 7). 387–405.

Neue Zeitung. 2020. Über uns. Verfügbar unter: https://neue-zeitung.hu/uber-uns/. Zugriff: 18. Juni 2020.

Nussbaumer, Markus, Peter Sieber. 1994. Parlando: Schreiben zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit. In Sprachfähigkeiten – besser als ihr Ruf und nötiger denn je! Ergebnisse und Folgerungen aus einem Forschungsprojekt. Peter Sieber & Edgar R. Brütsch, Hgg. Aarau: Sauerländer. (Sprachlandschaft; 12). 318–332.

Parkinson, Brian. 2014. Soziale Wahrnehmung und Attribution. In Sozialpsychologie. 6., vollst. überarb. Aufl. Klaus Jonas, Wolfgang Stroebe & Miles Hewstone, Hgg. Berlin, Heidelberg: Springer. (Springer-Lehrbuch). 65–106.

Riehl, Claudia Maria. 2018. Mehrschriftlichkeit und Transfer. In Mehrsprachigkeit und Spracherwerb. Jörg Roche & Elisabetta Terrasi-Haufe, Hgg. Tübingen: Narr Francke Attempto. (Kompendium DaF/DaZ; 4). 187–198.

Sabban, Annette. 2004. Zur Rolle der Phraseme für die Konstitution und Funktion des Textes. Ein Beitrag zum Konzept der textbildenden Potenzen. In Wortverbindungen – mehr oder weniger fest. Kathrin Steyer, Hg. Berlin, New York: De Gruyter. (Institut für Deutsche Sprache, Jahrbuch 2003). 238–261.

Schecker, Michael, Reinhold Rauh. 2014. Zur Verarbeitung figurativer Sprache. In Figurative Sprache. Festgabe für Dmitrij O. Dobrovoľskij. Martine Dalmas & Elisabeth Piirainen, in Zusammenarbeit mit Natalia Filatkina, Hgg. Tübingen: Stauffenburg. (Stauffenburg Linguistik). 257–266.

Sieber, Peter. 1998. Parlando in Texten. Zur Veränderung kommunikativer Grundmuster in der Schriftlichkeit. Tübingen: Niemeyer. (Reihe Germanistische Linguistik; 191).

Stein, Stephan. 2011. Phraseme und andere Verfestigungen als Formulierungsressource. Methodische Überlegungen und empirische Beobachtungen zu ihrer Rolle für die Textproduktion. In Phraseologismen in Textsorten. Hartmut E. H. Lenk & Stephan Stein, Hgg. Hildesheim, Zürich, New York: Olms. (Germanistische Linguistik; 211–212). 281–306.

Steyer, Kathrin. 2004. Kookkurrenz. Korpusmethodik, linguistisches Modell, lexikografische Perspektiven. In Wortverbindungen – mehr oder weniger fest. Kathrin Steyer, Hg. Berlin, New York: De Gruyter. (Jahrbuch des Instituts für deutsche Sprache 2003). 87–116.

Thomaß, Barbara. 2013. Mediensysteme vergleichen. In Mediensysteme im internationalen Vergleich. 2., überarb. Aufl. Barbara Thomaß, Hg. Konstanz: UVK-Verlagsges., München: UVK/Lucius. (UTB; 2831). 12–45.

Tognini-Bonelli, Elena. 2001. Corpus Linguistics at Work. Amsterdam: John Benjamins. (Studies in Corpus Linguistics; 6).

Urbán, Péter. 2017. Mehrsprachige Zeitschriften im Bratislava der Zwischenkriegszeit. In Interkulturelle Linguistik als Forschungsorientierung in der mitteleuropäischen Germanistik. Csaba Földes, Hg. Tübingen: Narr Francke Attempto. (Beiträge zur Interkulturellen Germanistik; 8). 241–250.

Weinert, Regina. 2010. Formulaicity and usage-based language. Linguistic, psycholinguistic and acquisitional manifestations. In Perspectives on Formulaic Language. Acquisition and Communication. David Wood, ed. London: Continuum. 1–20.

Wray, Alison. 2008. Formulaic Language. Pushing the Boundaries. Oxford: Oxford University Press.

1 Der Aufsatz geht auf einen Plenarvortrag zurück, den ich auf der internationalen wissenschaftlichen Tagung „Feste Wortverbindungen in Forschung und Lehre: Phraseologismen, Kollokationen und Verwandtes“ (11.–12. Oktober 2019) an der Universität Vilnius gehalten habe. Für die freundliche Einladung sei den Kolleginnen Vaiva Žeimantienė und Justina Daunorienė vielmals gedankt.

2 Beispielsweise wendet sich Keller (2014) Besonderheiten phraseologischer Mehrwortverbindungen in bilingualen Diskursen, hauptsächlich in Kode-Umschaltungssequenzen, zu, indem sie exemplarisch am Material deutscher Einwanderer in die USA eruiert, wie sich Sprachmischungsphänomene an der Schnittstelle zwischen Syntax und Lexikon in die aktuellen Forschungszusammenhänge zu Mehrsprachigkeit und Sprachverarbeitung einbetten lassen. Logutenkova (2017) untersucht hingegen das Material russisch-griechisch zweisprachiger Kinder mit den einzelnen Typen der frühen Bilingualität auf Zypern darauf hin, wie sich diese Typen jeweils auf die „Formierung des phraseologischen Fragments des sprachlichen Weltbildes“ auswirken. Eine ausführlichere Literaturauswertung findet sich im Aufsatz von Földes (2020, 201–202).

3 Mediensysteme sind komplexe soziale Handlungssysteme mit zusammengesetzten Strukturen und besonderen Entwicklungslogiken, die aus ihrer jeweiligen Systemumwelt, d. h. aus ihrer engen Eingebundenheit in wirtschaftliche, politische, soziale und sprachkulturelle Gegebenheiten, resultieren.

4 Im Gegensatz zu Zeitungen, die als (nur) „money-driven“ gelten dürfen. Zu diesen Termini vgl. Thomaß (2013, 19).

5 Quelle: Toчka-Treff: Das deutsch-russischsprachige Portal für Austausch und jungen Journalismus; im Netz unter http://www.goethe.de/ins/ru/lp/prj/drj/mem/inf/de9618236.htm [12.01.2019]. Detailliertere Ausführungen über Historie und Anlage der MDZ finden sich im Beitrag von Földes (2018a).

6 Urbán (2017, 245–247) unterscheidet diesbezüglich „simultane Mehrsprachigkeit“ (d. h. die Wiedergabe gleicher Inhalte in verschiedenen Sprachen, grundsätzlich für eine Zielgruppe von Lesern, die nur eine der Publikationssprachen beherrschen) einerseits und „komplementäre Mehrsprachigkeit“ (d. h. verschiedene Inhalte in verschiedenen Sprachen, grundsätzlich für eine Zielgruppe multilingualer Leser) andererseits.

7 Im Fließtext desselben Berichts wird die Auflage mit 1.000 beziffert (DAZ 2018).

8 Die Minderheitengruppe selbst betrachtet sich traditionell als „russlanddeutsch“.

9 In Bezug auf das – multiethnische – Land ist kasachstanisch die authentische Bezeichnung in der DAZ (wie auch darüber hinaus).

10 Die kognitive Semantik hat nachgewiesen, dass das im Wörtlichen fixierte mentale Bild nicht nur eine psychologische Realität ist, sondern auch eine Komponente der – der lexikalisierten Bedeutung zugrunde liegenden – kognitiven Struktur verkörpert (Dobrovoľskij & Piirainen 2018, 28). Da sich also die literale Lesart auch auf die aktuelle kognitive Prozessierung und somit auf die figurative Semantik auswirken kann, sind die ermittelten interkulturell induzierten Varianten im Komponentenbestand von bildlichen Lexikoneinheiten, die in Abschnitt 4 vorgestellt werden, von nicht unerheblichem Interesse.

11 Vgl. Földes (2020, 204). Es ist Weinert (2010, 2) zuzustimmen, dass sich generell ein gebrauchsbasierter Ansatz zur Untersuchung formelhafter Sprache anbietet.

12 Vgl. dazu Parkinson (2014, 92).

13 Diese Methode entspricht etwa dem korpusgesteuerten Ansatz („corpus-driven“) von Tognini-Bonelli (2001, 65–100).

14 Zu dem bereits in Abschnitt 2 angesprochenen Potenzial der Verfestigungen als Formulierungsressource bzw. zu ihrer Rolle für die Textproduktion siehe ausführlich Stein (2011, 281–284).

15 In diesem Aufsatz wird die linguistische Kategorie „Verfremdung“ nicht wie z. B. bei Marschall (2018, 389–393) verwendet, der damit unter Einschluss von drei pragmatischen Prinzipien gezielt intentionale Techniken bezeichnet.

16 Die erste Ziffer nach dem Zeitungskürzel bezeichnet bei allen Belegen die Ausgabe innerhalb des Jahrgangs 2017 und nach dem Schrägstrich folgt dann die Angabe der betreffenden Seite.

17 Das Historisch-etymologische Wörterbuch des Ungarischen weist für das Ungarische eine deutsche Herkunft nach (Benkő 1976, III/428). Der eigentliche Ursprung des Wortes ist allerdings slawisch (vgl. das Lemma Robat, Robate bei Grimm 1991, XIV/1087).

18 Anzumerken ist, dass das urtümliche, authentische mündliche Kommunikationsmedium der Ungarndeutschen – neben der ungarischen Sprache – in der Regel der (jeweilige) deutsche Dialekt ist.

19 Derselbe Dialekt-Spruch wird auch als Motto in einem Bericht (NZ 11/1 & 3) verwendet.

20 Für hybride Phraseologismen verwendet Eismann (2020, 67 & 69) die in der slawistischen Sprachwissenschaft nach wie vor geläufigen Termini „Makkaronismus“ bzw. „makkaronische Form“.

21 Für Formulierungen ohne Sprachmischung gibt es auch Belege, z. B. totales Diktat (MDZ 4/9).

22 Es fällt auf, dass man sich nicht des neutral klingenden russischen Wortes немецкий (nemeckij, d. h. ‘deutsch’) bedient, sondern des Adjektivs германский (germanskij, d. h. ‘germanisch’), bei dem Russischsprechende möglicherweise z. B. an Германия (Germanija, d. h. ‘Deutschland’) und nicht direkt an die deutsche Sprache denken. Eine andere Frage ist, warum Diktat mit total attribuiert wird, da dadurch automatisch ganz andere Assoziationen auftauchen können, etwa totaler Krieg. Mittlerweile gibt es in Russland weitere ähnliche pädagogische Aktionen mit dem freundlicher klingenden Namen Tolles Diktat.

23 Das figurative Kompositum Liederstrauß kommt in mehreren Texten vor (z. B. NZ 49/2).

24 Man könnte u. U. zunächst an die derbe Redensart einen fahren lassen ‘eine Blähung abgehen lassen’ denken.

25 Vgl. den Hinweis in der Fußnote 10 auf die potenzielle Auswirkung des Komponentenbestands auf die aktuelle kognitive Verarbeitung und somit auf die figurative Semantik.

26 Weitere Belege für diese Form finden sich in der NZ (2/5, 26/NZj 4, 27/20, 32/NZj 4, 33–34/2, 39/NZj 5, 43/16, 48/16).

27 Ein noch eklatanteres Beispiel ist die Wendung etw. ins Leben rufen, die fast in jeder Ausgabe vorkommt, insgesamt 23-mal (NZ 1/NZj 1 zweimal, 4/4, 5/1, 6/16, 8/16 & 19, 10/2, 11/4, 14–15/34, 16/16, 17/NZj 1, 20/17, 29/15, 31/16, 33–34/30, 40/4, 41/19, 4216, 44/5, 46/3, 47/2, 50/5).

28 Die aneinandergereihten Nominalphrasen erschweren das Verständnis, deshalb könnte eine unmarkierte Satzgliedstellung so lauten: Im Konzert übergab Dr. Susanna Gerner, Honorarkonsulin der Bundesrepublik Deutschland in Fünfkirchen, Blumen der Dankbarkeit und der Erinnerung an vier Überlebende der Verschleppung […].

29 Eine ausführliche Explikation der einschlägigen Begriffsdiskussion bietet der Aufsatz von Földes (2018a, 123–125).

30 Belegt auch z. B. im russlanddeutschen Korpusmaterial (MDZ 8/1).

31 Weitere Belegstellen: NZ 7/16, 11/15, 20/6, 23/1, 6 (hier fünfmal) & 20 (zweimal), 24/15, 28/18, 33–34/NZj 1, 39/Jub 1 & 4, 41/18, 44/6, 46/3, 47/4, 49/6, 51–52/20 & 30.

32 Also eine Bezugnahme auf einen anderen deutschsprachigen Text aus der eigenen deutschen Kultur.

33 Bezugnahme auf einen deutschsprachigen Text aus einer anderen (z. B. der russischen, der kasachischen oder der ungarischen) Kultur.

34 Wegen einer möglichen Assoziation mit der „Heimholung“ als dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich 1938 ist in einem politischen Diskurskontext diese Wortwahl ohnehin nicht ganz unbedenklich.

35 Für den onymischen Wortkomplex Der Große Vaterländische Krieg gibt es Belege auch in der kasachstandeutschen Presse (z. B. DAZ 20/7).

36 Dabei kann sich die Frage ergeben, ob diese Texte von mehrfacher Literalität oder lediglich von einem literaten Ausbau in unterschiedlichen skribalen Formen (vgl. Maas 2008, 478) zeugen.

37 Somit wird ein Spannungsfeld von Diskurstraditionen und deren Interaktion mit dem figurativen Wissen deutlich.

38 Derartige Texte bieten substanzielle Kommunikationsbedingungen konzeptioneller Mündlichkeit (wie Dialogizität, Vertrautheit mit dem Partner, freie Themenentwicklung und Affektivität), auch wenn sie schriftlich, daher in etwas veränderter Form, realisiert werden. Parlando als textuelles Phänomen erzeugt ein Gefühl von Vertrautheit, vermittelt eine entsprechende Grundstimmung und spricht die affektive Verhaltenskomponente beim Rezipienten an (Sieber 1998, 191).