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Kalbotyra ISSN 1392-1517 eISSN 2029-8315

2020 (73) 212-217 DOI: https://doi.org/10.15388/Kalbotyra.2020.11

Book reviews

Deutsche Phraseologie und Parömiologie im Kontakt und im Kontrast I. Beiträge der 2. internationalen Tagung zur Phraseologie und Parömiologie in Wrocław/Polen, 23.–25. Mai 2019 (Studia Phraseologica et Paroemiologica), Anna Gondek, Alina Jurasz, Przemysław Staniewski, Joanna Szczęk, Hrsg. Kovač Verlag, Hamburg (2020).
482 S., ISBN 978-3-339-11484-6 (Print), ISBN 978-3-339-11485-3 (eBook).

Rezensiert von / Reviewed by Marcelina Kałasznik
University of Wroclaw
Faculty of Philology
pl. Nankiera 15b
57-140 Wrocław, Poland
E-Mail: marcelina.kalasznik@uwr.edu.pl

Copyright © 2020 Marcelina Kałasznik. Published by Vilnius University Press
This is an Open Access article distributed under the terms of the
Creative Commons Attribution License, which permits unrestricted use, distribution, and reproduction in any medium, provided the original author and source are credited.

Phraseologie und Parömiologie sind sprachwissenschaftliche Untersuchungsfelder, die sich nach wie vor einer großen Popularität erfreuen und immer wieder das Interesse von Linguisten wecken. Im Fokus des im Folgenden vorzustellenden Bandes Deutsche Phraseologie und Parömiologie im Kontakt und im Kontrast I von Anna Gondek, Alina Jurasz, Przemysław Staniewski und Joanna Szczęk befinden sich phraseologische und parömiologische Fragestellungen, wobei diese insbesondere aus sprachkontrastiver Sicht dargestellt werden. Die Herausgeber des 2020 im Kovač Verlag erschienenen Sammelbandes weisen in der Einführung darauf hin, dass zunehmende Prozesse der Globalisierung und andere außersprachliche Erscheinungen zu immer häufigeren zwischensprachlichen Kontakten und damit zu deutlich sichtbarer gegenseitiger Beeinflussung der einen Sprache durch die andere führen (vgl. S. 7). Dies lässt sich auch im Phraseolexikon und im Bestand der Parömien einer jeweiligen Sprache beobachten (vgl. ebd.). Eben diesem Phänomen, d. h. den kontrastiv, konfrontativ oder komparativ ausgerichteten Untersuchungen im Bereich der Phraseologie und Parömiologie in verschiedenen Sprachenpaaren (v. a. Deutsch und Polnisch, Deutsch und Russisch, Deutsch und Dänisch) widmen sich die hier zusammengestellten 30 Studien. Der Band dokumentiert die Ergebnisse der internationalen Tagung „Deutsche Phraseologie und Parömiologie im Kontakt und Kontrast“, die vom 23. bis 25. Mai 2019 am Institut für Germanistik der Universität Wrocław stattgefunden hat. Dabei handelt es sich um eine zyklisch organisierte Veranstaltung, die sich vor allen Dingen an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler richtet, die zur Phraseologie und Parömiologie forschen1.

Die in dem Band versammelten Studien werden fünf thematischen Kreisen zugeordnet. Der erste Teil, betitelt mit Annäherungen: Literatur, Phraseologie und Parömiologie, wird mit dem Beitrag von Wolfgang Mieder eröffnet, in dem dargestellt wird, welche Funktionen die Zoologismen in der modernen deutschen Lyrik realisieren. Auf die Vielzahl von Funktionen von Phraseologismen verweist ebenfalls Heinz-Helmut Lüger, wobei der Autor diese Frage aus übersetzungswissenschaftlicher Perspektive beleuchtet. Im Vordergrund des Beitrags befindet sich der Roman Frau Jenny Treibel von Theodor Fontane und seine Übersetzungen ins Französische, ins Englische und ins Italienische. Analysiert werden hierbei Phraseologismen in dem Roman und ihre Äquivalente, was die Frage nach deren Funktionen und deren Übersetzbarkeit aufwirft. Die Werke von Theodor Fontane stehen auch im Zentrum der Studie von Stephan Frech. Der Autor zeigt, wie Theodor Fontane in seinen Werken mit Phraseologismen und Sprichwörtern mit der Komponente Birne arbeitet, wie er fließende Übergänge zwischen ihren wörtlichen und übertragenen Bedeutungen schafft und wie wichtig diese für die Textkomposition sind. Im nächsten Beitrag von Witold Sadziński rücken Vergleiche in den Mittelpunkt der Betrachtung. Anhand des Romans Hundejahre von Günter Grass werden hierin einerseits die Vielfalt von Vergleichskonstruktionen und die Kreativität in diesem Bereich gezeigt und andererseits wird ihre Aussagekraft verdeutlicht. Bernd G. Bauske beschäftigt sich in seiner Studie mit dem Roman Voyage au bout de la nuit von Louisa-Ferdinand Céline und mit seinen Übersetzungen in andere Sprachen (wie Deutsch, Niederländisch, Englisch usw.). Vor dem Hintergrund der Biographie von Céline und seiner Sprachverwendung wird über bestimmte Phrasen aus dem Roman und ihre Übersetzungen reflektiert. Elżbieta Dziurewicz befasst sich in ihrem Beitrag hingegen mit der deutschen Literatur und macht den Jugendroman Rubinrot von Kerstin Gier zum Ausgangspunkt ihrer Untersuchung. Das Ziel der Studie besteht darin, den deutschen Roman und seine polnische Übersetzung im Hinblick darauf zu vergleichen, wie die Phraseologismen aus dem Roman ins Polnische übertragen wurden.

Den zweiten Teil Theoretische Fragestellungen in der Phraseologie und Parömiologie eröffnet der Beitrag von Krzysztof Sakowski, in dem zwei Erscheinungen aus dem Grenzgebiet der Phraseologie, d. h. Einwortphraseologismen / Einwortidiome und Onyme thematisiert werden. Beide Phänomene werden nach den meisten Auffassungen aus dem Bereich der Phraseologie ausgeschlossen, was der Autor mit der Heranziehung der kognitiven Methodologie zu widerlegen sucht. Die Studie von Iwona Nowakowska-Kempna und Sandra Camm ist ebenfalls in der Kognitiven Linguistik verankert, wobei sie sich mit den präpositionalen Phrasen im Polnischen beschäftigt. Vor dem Hintergrund des Konzeptes der Konstruktionsgrammatik von Adele Goldberg werden ausgewählte Präpositionalphrasen mit den Präpositionen na, w, przy, przed, obok, po als grammatisch, syntaktisch und semantisch feste Phrasen betrachtet. Mit dem Beitrag von Vida Jesenšek wird der Blick auf Sprichwörter gerichtet. Die Autorin befasst sich mit der Frage, auf welche Art und Weise Sprichwörter in syntaktisch-textuelle Zusammenhänge integriert werden. Anhand der Analyse wird einerseits gezeigt, wie die Sprichwortkonnektoren die Funktionen von Sprichwörtern unterstützen. Andererseits können die Ergebnisse der Untersuchung für die Parömiographie fruchtbar gemacht werden. Magdalena Lipińska untersucht Arbeiten französischer Sprachwissenschaftler und linguistische Arbeiten in französischer Sprache und versucht auf dieser Grundlage einen Katalog von Merkmalen zusammenzustellen, die gewöhnlich Phraseologismen und Parömien zugeschieben werden. Die Autorin geht dabei von der Beobachtung aus, dass diese zwei Gebiete immerhin nach manchen Auffassungen separat betrachtet werden, was mit deren zahlreichen Gemeinsamkeiten in Widerspruch steht. Im Zentrum der Studie von Veronika Opletalová und Andrea Sapíková befinden sich Kinegramme, die emblematische Gesten bezeichnen. Hierbei wird die Frage aufgeworfen, ob und inwiefern sich die neuen Ergebnisse der Gestenforschung bei der Analyse dieser Gruppe von Kinegrammen als nützlich erweisen. In den Mittelpunkt des Beitrags von Françoise Hammer rücken deutsche Wortpaare, an deren Beispiel gezeigt wird, dass die stärkere Einbeziehung der Syntax in phraseologische Untersuchungen dazu beitragen kann, sie sowohl aus diachronischer als auch als synchronischer Sicht näher zu beleuchten. Łukasz Piątkowski liefert mit seiner Studie eine Analyse des deutschen Funktionsverbgefüges in Frage kommen und seiner polnischen lexikographischen Äquivalente. Die Analyse erfolgt unter Zuhilfenahme von deutschen und polnischen Online-Korpora (DeReKo und NKJP) und berücksichtigt solche Aspekte wie Kookkurrenz, syntagmatische Muster und Sprachgebrauchsdomänen der erforschten Einheiten. Durch diese Korpusanalyse werden die häufigsten Verwendungsmuster dieses Funktionsverbgefüges aufgedeckt, was sich für seine künftige lexikographische Beschreibung als hilfreich erweisen kann.

Die nächste thematische Sektion Aktuelle Fragestellungen in der parömiologischen Forschung beginnt mit dem Beitrag von Hrisztalina Hrisztova-Gotthardt und Zoltán Gotthardt, in dem die Vorteile einer mehrsprachigen Sprichwortdatenbank dargestellt werden. Die Hauptfunktionen solcher Datenbank sehen die Autoren zum einen darin, bestimmte Merkmale von Sprichwörtern zu sammeln und sie nach bestimmten Kriterien zu annotieren. Zum anderen sollten sie dazu genutzt werden können, bestimmte Gruppen von Sprichwörtern nach individuell festgelegten Kriterien zu typologisieren und die Zusammenhänge zwischen ihnen auch visuell darzustellen. Melita Aleksa Varga und Ana Keglević befassen sich in ihrer Untersuchung mit bestimmten Verfahren der Erstellung von parömiologischen Umfragen, mit denen bekannte Sprichwörter herausgefiltert werden können. Dieses Thema ist für das 2014 begonnene Projekt zur Bestimmung des parömiologischen Minimums / Optimums im Kroatischen, dessen Geschichte und Zielsetzung in dem Beitrag präsentiert wird, von großer Relevanz. In den Mittelpunkt des Beitrags von Józef Jarosz rücken Wellerismen und ihre Kodifizierung in der dänischen Parömiographie. Diese diachron angelegte Analyse der lexikographischen Erfassung von Wellerismen in dänischen Nachschlagewerken stellt ihre Entwicklung von einer als peripher betrachteten zu einer emanzipierten Spruchgattung dar. Barbara Maj-Malinowska analysiert in ihren Ausführungen polnische Sprichwörter, in denen die Wörter grzeczność (dt. Höflichkeit), grzecznie / grzeczny (dt. höflich) enthalten sind. Unter der Annahme, dass in Sprichwörtern bestimmte Erfahrungen eines Volkes, Verhaltensregeln und Normen kodifiziert werden, werden anhand des zusammengestellten Sprichwörterkorpus Höflichkeitsmerkmale der polnischen Kultur aufgedeckt. Marzena Guz macht deutsche Sprichwörter, deren Thema Dummheit ist, zum Gegenstand ihres Beitrags. Die Autorin versucht auf der Grundlage dieser ziemlich großen Gruppe von Parömien zu zeigen, wie diese Eigenschaft charakterisiert, womit sie in Verbindung gesetzt wird und welche sprachlichen Eigenheiten die nach diesem thematischen Kriterium zusammengestellten Parömien aufweisen. Oksana Khrystenko untersucht deutsche und ukrainische Sprichwörter mit den Wörtern Frau / Weib / Mädchen im Hinblick auf Frau-Kategorisierungen. In dem kontrastiv ausgerichteten Beitrag wird versucht, Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen dem Deutschen und dem Ukrainischen in diesem Bereich zu beleuchten und in diesem Sinne interkulturelle Besonderheiten zu erhellen.

Der thematische Kreis Didaktisierungskonzepte im Bereich der Phraseologie und Parömiologie wird mit dem Beitrag von Marios Chrissou eingeleitet, der darauf abzielt, ein phrasemsensitives Didaktisierungsmodell der fertigkeitsorientierten Textarbeit darzustellen. Dazu werden ein phraseodidaktisches Lehrphasenmodell und ein Phasenmodell der Textarbeit miteinander integriert und deren mögliche Anwendung wird an konkreten Unterrichtseinheiten gezeigt. Grażyna Zenderowska-Korpus stellt in ihrem Beitrag die große Bedeutung der Vermittlung von Sprichwörtern im Fremdsprachenunterricht heraus. Gleichzeitig zeigt die Autorin, dass es sich dabei um einen lang dauernden Prozess handelt, indem sie die Ergebnisse einer 2019 unter polnischen Germanistikstudenten durchgeführten Umfrage darstellt. Im Anschluss daran werden bestimmte Verfahren zur Auswahl von im Unterricht einzuführenden Sprichwörtern und deren Vermittlungsweisen besprochen. Małgorzata Płomińska und Marzena Będkowska-Obłąk befassen sich in ihrem Beitrag mit Wunschformeln, wobei sie insbesondere auf den Aspekt ihrer kulturell bedingten Besonderheiten im deutsch-polnischen Vergleich eingehen. Die festgestellten Eigenheiten in der untersuchten Gruppe von Phraseologismen können für sprachdidaktische Zwecke nützlich gemacht werden. In der Studie von Joanna Konieczna-Serafin liegt der Schwerpunkt auf deutschen Kollokationen des Typs Substantiv + Verb, die Texten aus dem Bereich Bankwesen und Finanzen entnommen sind. In dem Beitrag werden die Beispiele für Kollokationen dazu genutzt, polnische Germanistikstudenten für die Kategorie des Aspekts aufmerksam zu machen und deren Spezifik im Deutschen zu besprechen. Małgorzata Niemiec-Knaś beschäftigt sich ebenfalls mit der Bankkommunikation und mit dem Einsatz von Phraseologismen. Sie verdeutlicht den Stellenwert von Fachphraseologismen und formelhaften Wortverbindungen in der Banksprache und verortet im Anschluss daran ihre Vermittlung im Konzept der Kompetenzorientierung im Berufs- und Fachsprachenunterricht. Mit dem Beitrag von Małgorzata Guławska-Gawkowska rückt die Frage in den Vordergrund, wie Phraseologismen im Grammatikunterricht kreativ verwendet werden können. Es ist nämlich bekannt, dass die grammatische Form von Phraseologismen oft von den üblichen Grammatikregeln abweicht. Unter anderem in diesem Sinne können sie erfolgreich dazu verwendet werden, den Grammatikunterricht interessanter und lebendiger zu machen. Hana Bergerová konzentriert sich in ihren Überlegungen darauf, wie das phraseologische Potenzial von Textsorten und Rubriken aus Kinder- und Jugendzeitschriften dazu eingesetzt werden kann, Phraseologismen zu didaktisieren. Am Beispiel einer Fotostory stellt die Autorin dar, wie phraseologische Einheiten mithilfe dieser Textsorte im Fremdsprachenunterricht vermittelt werden können.

Die fünfte und zugleich letzte unterschiedene Sektion Kontrastive Analysen in der Phraseologie und Parömiologie in dem Band beginnt mit dem Beitrag von Carmen Mellado Blanco, in dem deutsche Körperbezeichnungen enthaltende Idiome, denen eine Metapher der Körperbeschädigung zugrunde liegt, besprochen werden. Es handelt sich dabei jeweils um Resultativkonstruktionen, die im Hinblick darauf untersucht werden, welche Äquivalente sie im Spanischen haben. Der nächste Beitrag von Janusz Stopyra geht auf sein 2019 erschienenes Buch zurück, in dem dänische Kollokationen und ihre deutschen Äquivalente definiert und eingeteilt werden. Das Ziel der Analyse ist es, dänische Kollokationen aus dem akademischen Diskurs mit dem Bestand von Kollokationen des Dänischen in seiner gesprochenen und geschriebenen Variante zu vergleichen. Andrzej Szubert beschäftigt sich in seinem Beitrag mit phraseologischen Einheiten mit der Komponente hoved (dt. Kopf) im Dänischen und mit ihren deutschen Entsprechungen. Mithilfe des kognitiven Instrumentariums analysiert der Autor, ob die dänischen und deutschen Beispiele ähnliche Konzepte vermitteln. Anikó Szilágyi-Kósa geht in ihrem den Band abschließenden Beitrag auf Phraseologismen ein, die einen theologisch-religiösen Bezug aufweisen. Es handelt sich, wie die Autorin allerdings hervorhebt, um keine Bibleismen. Die zusammengestellten Phraseologismen, deren Komponenten sich als religiös oder kirchlich einstufen lassen, werden im deutsch-ungarischen Kontrast erforscht, der bestimmte Gemeinsamkeiten und Unterschiede entdecken lässt.

Der hier kurz vorgestellte Band zur Phraseologie bildet eine ansprechende Sammlung von vor allem kontrastiv, konfrontativ oder vergleichend angelegten Studien, die interessante und aktuelle phraseologische und parömiologische Probleme aufgreifen. Mit diesem wertvolle Beiträge enthaltenden Band wird deutlich, dass phraseologische Untersuchungen, obwohl sie eine ziemlich lange Tradition in der Sprachwissenschaft haben, immer wieder neues Licht auf die erforschte Thematik, auf kulturelle Gemeinsamkeiten und Unterschiede sowie auf in der Sprache verankerte Bilder von Gemeinschaften werfen.