Eine studentische Gestaltung der ethnischen Identität von Simonas Daukantas
Articles
Edvardas Gudavičius
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Published 2026-02-19
https://doi.org/10.15388/VOS.2008.2.11
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Keywords

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Abstract

„Die Taten der alten Litauer und Sameiten” hat S. Daukantas im Jahre 1822 abgeschloßen. So wurde sein erstes historisches Werk während seiner Studienjahre in der Vilniusser Universität gereift und beendet. Diese Lehranstalt war damals ein Teil des Bildungssystems des russischen Reiches, hörte aber nicht auf auch als ein Bestandteil des europäischen Aufklärungs- und Wissenentwicklungskreises zu verwesen. S. Daukantas lernte sich bei den berühmten Professoren J. Lelewel, I. Daniłowicz, G.E. Groddeck, I. Ołdakowski, I. Onacewicz, A. L. Cappelli, welche eine ausgezeichnete Umgebung der Humanitätwissenschaften geschaffen hatten. In der Lehrjahren von S. Daukantas wetteiferte in der Universität die traditionelle Aufklärungs- und Naturrechtsrichtung des Wissens mit den Ideen des Kernvolkstums und des Nationalrechts der historischen Rechtsschule, was den paradigmischen Kampf zwischen der als eine Wissenschaft sich bildenden Historiographie und der verteidigenden ihre Vorherrschaft Historiosophie abspiegelte. Dieser Kampf diskredizierte die Weltgeschichte als eine Historiographieart und räumte den Weg der Nationalgeschichte. Es ist möglich über den mindestens undirekten Einfluß des Kritzismus von
J.G. Fichte zu sprechen, woraus die Teilung der sich bildenden historistischen Geschichtswissenschaft in den aposteriorischen (die Tatsachenbeschreibung) und den apriorischen (die Feststellung der Stufen der historischen Entwicklung) Zweig folgte, das eine Hilfe dem Empirismus leistete. Darum behauptete sich die Quellenkritik als solche. In dieser Richtung übte besonders I.Daniłowicz eine positive (leider die ungenügende) Wirkung aus. Von der anderen Seite muß man über die Auswirkung eines Lehrlings der Königsberger Universität und Burschenwesensträg� � � ers der deutschen Studenten I. Onacewicz sprechen. S. Daukantas hat einen mäßigen Einfluß des ersten und einen großen des anderen Professoren erfahren. Der junge Magister verabschiedete sich mit der Hochschule als ein mittelmäßiger Schüler von I. Daniłowicz, ein guter von G.E. Groddeck und als ein Junger von I.Onacewicz.
Die letzte, entstandene in den 20-sten Jahren des 16. Jahrhunderts, Redaktion der litauischen Chroniken leitete die Herkunft der Litauer von den römischen Ankömmlingen ab und erzählte über eine Reihe der phantastischen Herrscher bis zu den realen Ereignissen des 14. Jahrhunderts. Dieses Schema ging in das Geschichtsbuch der Renaissance von M. Stryjkowski und des Baroks von A. Kojelavičius über, dann wurde von A. Schlözer in seine „Weltgeschichte” übertragen. Von der Fachliteratur konnte S. Daukantas die Auskunft der deutschen und russischen Chroniken nur durch den Bericht von A. Kotzebue und N. Karamsin anwenden. Paradigmatisch gehörten diese Werke dem Historismus nur wegen ihrer Chronologie und nicht wegen ihres Niveau. Also verblieben die phantastischen Fürsten in dem Werke von S.Daukantas, was sein historiographisches Wert gar verminderte. Das gute Kentnis der antiken Geschichte erlaubte ihm doch etwas gläublicher (in Vergleichung mit den Römern) die Szythen und die Heruler als die litauischen Ahnen vorzustellen. Das im Werdegang des Historismus entstehende romantische Volksmuster war zweiartig: das sich geschichtlich entwickelndes Kernbauertum (die Grundidee von J.Möser, übernommene durch die historische Rechtsschule) und das eroberte doch unbezwungene und schöpferische Volkstum, welches endlich seine Eroberer überwältigt hatte (die Grundidee der Aufklärung, überleitete von E.J. Sieyés und entfaltete von A. Thierry). Der Zustand des zeitgenössischen litauischen Volkes war traurig: die litauischsprechende Bauernschaft befand sich in der Leibeigenschaft des polonisierten Adels und das Land gehörte dem russischen Reich. Für S. Daukantas taugte von jenen Mustern keines. Die russische Herrschaft störte hier nicht: das war eine äußere und aufgezwungene Erscheinung. Der Schwerpunkt der Anpassung lag anderwärts: bis zu der russischen Herrschaft ist das Großfürstentum Litauen bestanden, Litauen hat keine polnische Eroberung erfahren, in Litauen hieß aber der Herr ein Pole und der Untertan ein Litauer.
In der Einleitung hat S.Daukantas eine subtile historiosophische Lösung dieser Frage gefunden:
die Union Litauens mit Polen war eine ungleiche historische Entwicklung, wo die Polen ihre
Kultur und ihre Sprache gepflegt und gehegt hatten, den Litauern aber solche Möglichkeit entnommen
wurde. Darum wurde ihr Adel polnischsprechend und–denkend. So fand man einen
Sündbock um den geschichtlichen Rückstand Litauens zu entschuldigen, was zu der Erinnerung zu den barbarischen Eroberer aus den Wäldern Germaniens von E.J. Sieyés führte. Die niedere Schicht des litauischen Adels (besonders in dem Sameitenlande) hatte, die polnische Sprache benutzend, noch nicht das litauische Nationalbewußtsein verloren. Diese Schicht fühlte sich als ein selbstständiges anderes polnisches Volk (= Litauer). S.Daukantas gehörte dem Studentenkreis der Sameiten, fühlte sich aber, seiner bäuerlichen Herkunft nach, kein Pole überhaupt. In seinem ersten Werk „vertrieb” er „den anderen Polen” aus der litauischen Geschichte.

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